Tausend Meter über Null, immer westwärts, durch Massaii-Land, Maai-Mahiu - und durch die rote Erde pflügt sich der Jeep, durch den roten aufgewirbelten Sand - Eldoret. Ein Name wie Eldorado, Boom-Town, Aufstieg und Fall, Chaos und Ursprung, umgeben von Windhosen, kleinen Staubstürmen und dem immerwährenden beißenden halsstickenden Qualm der Kohlenfeuer am Wegesrand. Ein weiterer Tag in diesem Afrika, unterhalb des Äquators, irgendwo am Lake Victoria. Afrika ...
Sie wollen dich haben. Hier - in Afrika. Dort - im Norden. Im Flieger nach Berlin. Die Hitze durchzustehen. Um anzukommen. Wer kommt wann wo an? Wo wirst du ankommen? Du weißt es nicht. Du weißt es nicht. Und du hast dich nicht gefragt, ob du dort hin willst.
Unterwegs. Unterwegs im Afrika mit diesen heißen Tagen. Unterwegs im Leben.
"The magical mystery tour is going to take you away, dying to take you away" und plötzlich ist sie da - die Nacht Afrikas und ein weiterer von diesen heißen Tagen hat ein Ende.
Die Tür fällt hinter dir ins Schloss, ein Bett, ein Tisch, ein Schrank, ein Stuhl, ein Spiegel - du schaltest den Fernseher auf stumm und nimmst das Zahnputzglas und setzt dich auf die Bettkante und hoffst, dass das Wummern in deinem Kopf endlich aufhört und der Schmerz in den Augen endlich nachlässt. Südafrikanisches MTV, interessant - und du fällst nach hinten, die Augen starr zur weißen Zimmerdecke.
Nairobi, Nyanza, Nakuru, Eldoret, die Schreiner von Kisii, Kisumu, Nyabisawa - ein neuer Sarg wird am Morgen aus dem Nebenhaus getragen, Nakuma, Huruma, Itibo, Room Number 88, Rift Valley, Naivasha, die Vic Falls, der Sambesi, die Hotelbar des Bronté, Whatever - die Flut der Bilder verschwindet nur langsam, während du auf dem Laken liegst, in diesem kleinen Zimmer mit der drückenden Luft. Der Ventilator an der Decke surrt und summt und surrt und summt und sirrt und schwingt und treibt dich an die Wand - während dir der kalte Schweiß
die Haut hinunter rinnt und der Gin die Zungenspitze betäubt und du auf etwas Neues wartest und wartest.
Minutenlang aber, ewige, taube Sekunden lang, geschieht nichts. Irgendwann dann kommt etwas von fern und plötzlich siehst du die Welt, stehst dort oben auf den Tempelzinnen im leisen Wind und siehst sie, die Königreiche und Mächte und hörst das Flüstern neben dir doch lange nicht mehr. Das Zimmer in Seinem Haus trägt heute die Nummer 88 und Er ist fort, weit - weit. Und dann verschwindet das Andere neben dir und du bist wieder allein.
Hallo, Ticket to Death, setz' dich zu mir und nimm' dir nen Drink...
Und die Bilder rasen und rasen wieder und vermischen sich mit all den anderen, jenen, die seit Jahren um dich sind und die alten Träume kommen wieder: Expedition ins Niemandsland und da ist dieser schwarze achteckige Turm, in dem der mächtige Wikingerhäuptling Varin sitzt und über seinen totgeschlagenen Sohn heult, während die Polizei mit Schleppnetzen den Fluß absucht und jeder Flur in deinem Hotel keine Zimmer hat. Varin, Dublin, die Massaii, Lieutenant Stuart von den Artists Rifles, gefallen an der Westfront, Frankreich, die Schären, die Ostküste, die Wikinger, die stillen, stillen Nächte und die Seen Värmlands. Das Mädchen von nebenan sitzt mit dir am grünen Hang im Gras und die Nachmittagssonne scheint nach einem Sommerregen durch die Blätter vom Nussbaum und wirft fleckige Schatten auf die Gesichter. Oben, neben der großen Kieshalde steht die Bauhütte und sie sagt: Es ist schön hier, mit dir in der Sonne. - Ein Schuss zerreißt die Nacht - Grace!, Grace ist nicht schnell genug. Die Hunde! Und sie lecken sein Blut... Livingstone, Rhode, Maleme Ranch, Afrika, flimmerndgleissende erbarmungslose Hitze, die dich nicht loslässt - und da war es wieder, jenes Mädchen vom Wegesrand, auch hier in Afrika:
"De senaste dagarna har jag tänkt och tänkt på nordlandssommarens eviga dag."
- Ja?
- Mädchen aus Rök, wo bist du?
Rök -
Dieser Stein - kühl und tausend Jahre alt und
mächtig ragt er geheimnisvoll unter dem geschnitzten
Baldachin - feilgehalten meinen müden Augen
Runen, gehauen vom großen Wikinger Varin -
sie leuchten mir entgegen und verwirren mich,
erzählen von der Trauer um Vämod, seinen Sohn.
Mein Kopf tut weh, Häuptling Varin. Was willst du in Afrika? Was will ich in Afrika?
Und der Schlaf überrennt dich, endlich.
Am nächsten Tag bleibt nichts von all diesen Dingen. Einzig der Nachhall in deinem Kopf, und du sitzt in der heißen Mittagssonne am Pool und bist immer noch still und leise und schockiert. Schockiert über die Summe an Verlusten, diesem gewaltigen Berg, dieser gewaltigen Last - die du auch hier zu tragen hast. Denn die Lücken, die das Leben in dir schlug, enthalten kein Versöhnungsangebot...
Also stürzt du weiter, die lange, lange Strasse hinunter, wirst gejagt von der Sehnsucht, jener Sehnsucht tief in dir - Heimat, Ewigkeit -
Doch am Ende verwehen unsere Namen
im unbenannten staubigen Wadi des Lebens -
- hinfort, hinweg, von der Wüstenbrise getrieben,
wie die zerflatterten Seiten der Daily News ...
[Available in English]