"EINMAL DECKT ALLES WÜSTE
ERLÖST
DIE HOFFNUNGSVOLL VERLASSENEN NATIONEN
Olaf Müller, Tintenpalast
Unsympathisch ist er, der gegenwärtige Lobgesang auf die "jungen Autoren". Denn tatsächlich ist es
nicht weit her mit uns, der "Jugend, Jugend!" - zumal der schreibenden. Dennoch, dennoch regiert der Hype der
ausgesetzten Banalmatadore des Jetzt!, Hier!, des Marketingausgusses, der modernen Verlagsejakulation. Und es ist
nun einmal der Hype einer anderen Generation - nicht der unseren.
Doch es ist nicht ganz so schlimm: Neben diesen Genannten interessiert sich unter anderem für die 5.000
Autoren, die beispielsweise Gabriele Killert in der ZEIT Nr. 41 bezeichnet, niemand. Gut so! Denn diese
Schriftsteller sind nicht ein Zeichen dafür, "dass wir noch nicht ganz mit Maus und Mann zur
Renditegesellschaft" verkommen sind" (Killert). Es ist wohl eher ein Zeichen dafür, dass es einen Grund
geben muss, dafür, dass sich allein in Berlin 5.000 Existenzen auf die Schreiberei stürzen - wovon
leben die eigentlich? Leute wie von Stuckrad-Barre oder Kracht mit ihrer Fast-Food-Literatur ("aber authentisch!")
scheinen ein Vakuum gestürmt zu haben, dass eigentlich mit anderen Dingen gefüllt werden sollte - aber
nicht mit den banalen Erkenntnissen, die jedem von uns zwischen Katerfrühstück und Gin Tonic in der
Hotelbar des Bronté in Harare auch kommen.
Und dabei erkenne ich mich sogar selbst, wenn Mr. Soloalbum seinen Senf zum Besten gibt. Der eigene Trip nach
Nakuru, Eldoret, Kisii, Kisumu, Nyabisawa, Nakuma, Huruma, Naivasha, Whatever - ob mit oder ohne Whiskey oder
Kokain - bleibt selbstbefriedigende Poesie, so man das zufällig Erlebte, gesetzt in 11 Punkt Palatino -
wirklich Poesie nennen will. Was wir 25- bis 35jährigen auch schreiben - die Konkurrenz, der Neid kann,
darf uns nicht zu eigen sein. Denn in meiner eigenen Nicht-Intellektualität turne, ja, surfe ich ebenso
durch die literarische Tradition, wie es die reklamierten Dichter tun.
Über eigene Zirkel hinaus interessiert sich aber niemand für die eigenen Ergüsse, und vielleicht
ist es eben ja auch derselbe Grund, der an anderer Stelle ironischerweise zum Erfolg führt. Es interessiert
sich lediglich das Publikum der Cafés, in denen ich lese, für den schmerzlosen Moment des
Nurdabeiseins. Es ist wohl nie der Text, das Wort, die Leere zwischen den Zeilen an sich - sondern ganz banal
das Event, das emotionale Ereignis, die Gemeinsamkeit des Miteinander-Zuhörens. Bei meinen Lesungen muss
immer viel Alkohol konsumiert werden, und ich brauche immer psychedelische Gitarrenklänge, damit sich das
gewünschte Feeling einstellt. Ich wunder' mich schon lange nicht mehr über die Verwirrung der
Lokalredakteure.
Interessant für mich als Autor ist dagegen nicht mehr, welcher Verlag sich für meine Arbeit engagiert.
Literaturbetrieb in Deutschland ist etwas, das nichts mit Autoren oder der Begleitung von Autoren zu tun hat.
Zuviele erschlagen die Lektoren mit ihren Wortmüll und jener schöne Tag an Tucholskys Grab in
Mariefred hat keinen literarischen Nennwert, denn "Tucholsky hebt nicht".
Und damit schickt die Lektorin nicht nur meinen Text dahin zurück, wohin er gehört - nämlich in
die Schublade - sondern sie bezeichnet auch unsere Misere.
Die Misere der jungen Autoren, die nur noch Gelegenheit haben, ihre Texte lediglich auf geliehene Pfründe
aufbauen zu können. So schwindet die Frage nach der Tiefe und deren Bedingungen vor dem Hintergrund, das
schnelle, hohe, weite Leben zu finanzieren, das meine Generation ausmacht.
Für mich als Freiberufler ist
es heute wichtiger darüber nachzudenken, mit welcher Prosa ich mein PR-Seminar für die SPD-Fraktion
in Recklinghausen fülle, oder den Spendenbrief für Aid for AIDS, dessen Deadline in zwei Tagen ist
- und nicht am Liegengebliebenen zu arbeiten, das seit geraumer Zeit in der Schublade lauert. Denn das Schreiben
kostet Zeit und Geld, benötigt die Reflexion und Korrektur, die Bildung an Wort und Geist, die
Auseinandersetzung. Meine Situation benötigt kein Mitleid, doch ärgere ich mich, dem Geiste der
"jungen Autoren" als Generationsgenosse nichts entgegensetzen zu können, denn - wie bei vielen anderen
Schriftstellern - der Lebensunterhalt geht vor.
So fehlt mir die Reflexion des Schreckens, als mir zum ersten Mal das Wort "Jude" im Werk Knut Hamsuns
begegnete. Sozialisiert im politischen Milieu der Achtziger, Nutznießer der Verbildung frustrierter
Altachtundsechziger kam der Kulturschock auf mich zu, denn wir lernten nichts darüber, wie man mit
Literatur umgeht, noch dazu von Autoren, die einen bereits früh prägen. So bin ich klammheimlich
alleingelassen zum blinden Fan eines großen Meisters geworden, mit dem Wunsch, nur einmal eine einzige
Seite mit seiner Schreibe füllen zu können und muss beim Sammeln und Lesen ("Hunger", "Segen der Erde",
"Neue Erde", "Im Märchenland" ...) den unverhohlenen Rassismus und Antisemitismus schlucken, ohne dabei zu
wissen, zu lernen, was ich nun DENNOCH und WEIL mit und aus dem Werk lernen kann.
Versöhnt erst durch die
Biographie von Robert Ferguson haftet dieser profane Schock noch heute in mir und ich kann nicht verstehen,
wie Ginsberg und Gainsbourg zu unfreiwilligen Teilnehmern einer nur "‚Headbased' Actionfigurensammlung"
werden können. Dabei ist es nicht die Sprache, die mich irritiert - denn das mit Anglizismen und
Kürzungen vollgepackte Idiom ist auch das meine - sondern es ist die Reduktion. Es ist einfach zu wenig.
Wer von uns Lesenden interessiert sich für Actionfiguren? Wer von uns will von ihnen lesen und lernen?
Wer von uns will mit Actionfiguren seine Lebens- und Erfahrenswelt teilen?
So glaube ich, dass die Fülle an Autoren (mich eingeschlossen) und die Fülle an
Veröffentlichungen nicht ein Zeichen für die neue Bedeutung von junger deutscher Autorenschaft ist,
sondern vielmehr ein Zeichen für Leere, Taubheit und eben Reduktion.
Doch ganz anders empfinde ich, wenn ich nach dem Lesen den "Tintenpalast" des nicht mehr ganz so jungen
Olaf Müller zuschlage, dessen Protagonisten mit eben dieser Leere, Taubheit und Reduktion zu leben haben.
Und dennoch - sie füllen das Herz des Lesers mit Atemlosigkeit und Hirnknoten. Das Thema des Buchs ist
Anerkennung und Verrat. Ist es nicht auch das Thema der jungen Autoren Deutschlands, das niemand aufdeckt?
Und es bleibt der Eindruck, dass die Namen der schreibenden Zeitgenossen wie die Seiten des Tintenpalastes
am Ende in einem namenlosen staubigen Wadi von der Wüstenbrise verweht werden. Sie werden verdammt noch
mal nicht bestehen bleiben - anders, als die "Helden wie wir". Warum noch mal?