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All-Tags-Filou-Sofien
Das Gesicht von Flensburg?
Dizzy's All-Tags-Filou-Sofien

Unser täglich Brot

Es soll ja Leute (oder auch "Leude", umgangsprachliches Wort der nördlichsten Stadt Deutschlands; der jüngeren HipHop-Generation bekannt geworden durch eine nordstämmige Sprachbande)...Die Autorin bittet um Verständnis; dieser Exkurs soll den räumlichen Kontext besser herausstellen...

Also noch einmal von vorn:

Es soll ja Leute geben, die sagen: "Das wenige, was ich esse, kann ich auch trinken." Oder - oft ist auch von "Bier = flüssig Brot" die Rede. Aber in diesem Text soll es nicht um das wichtigste Lebens- und Kulturmittel gehen, sondern um die heiligen Stätten des Verzehrs eben jenes. (Apropos: die Bezeichnung "Kulturmittel" oder auch "Kulturmittler" wird durch die nachstehenden Sätze fundiert für jeden erklärlich.)

Das flüssige Nahrungsmittel kann natürlich an einem der zahlreichen Kioske der Stadt erworben werden. Da unsere Stadt eine besonders hohe Dichte daran hat, fast vergleichbar mit dem Aufkommen der Trinkhallen im Ruhrgebiet, ließen sich auch zu dieser Trinkkulturstätte einige Geschichten erzählen; dazu mehr vielleicht ein anderes Mal. Hier und heute dreht sich alles um das Thema "Die Kneipe als Kulturstätte"; ganz speziell die sogenannte "Stammkneipe".

Jeder Mensch, der gerne ausschweifend lebt und trinkt, hat eine eigene Stammgastwirtschaft. Und es kann jeder die Situation nachempfinden, wenn einem eine solche Institution verlustig geht. In meinem bedauernswerten Fall durch Umzug in eine nicht nur andere Stadt sondern völlig andere Gegend. Aufgrund der übergroßen Distanz war es für mich nicht mehr möglich, bei Wind und Wetter stundenlange Fahrten auf mich zu nehmen, um in meine Stammkneipe zu gelangen. Das wäre auch bei dem größten Durst ein völlig übertriebenes Unterfangen, wo sich das Verhältnis Aufwand und Entschädigung nicht mehr die Waage hält. Obwohl...

Kurz und gut, ich habe eine ideale Stammkneipe mit alternativem Rocker-Interieur und einer handfesten, oft mies-gelaunten, aber im großen und ganzen akzeptablen Wirtin in meiner alten Heimat zurückgelassen. Nicht zu vergessen das Stammpublikum, das mir in mehr als 10 Jahren mal mehr und mal weniger ans Herz gewachsen war.

Aber ich hatte Glück im Unglück. Ich habe hier am Ende von Deutschland (oder auch am Anfang, je nachdem in welcher Stimmung man gerade ist) ein Pendant gefunden, dass mein Trinkerherz auflachen lässt. Auch hier findet sich die vernachlässigt-angegammelte Atmosphäre, die jeden Innenarchitekten zum Heulen bringt; und auch die durch jahrelange Exzesse zusammengeschweißte und zusammen gealterte Stammtrinkerschaft lässt sich am Tresen wiedertreffen.

Endlich kann ich wieder zusammen mit Gleichgesinnten sumpfen. Nach eingehender Vorarbeit, soll heißen zahlreichen trinkfesten Abenden in der neuen Umgebung unter kritischer Begutachtung, habe ich sie überzeugt. Ich werde akzeptiert, darf Runden schmeißen, bekomme selbst reichlich Getränke ausgegeben und kann die schönsten Gespräche an der Theke führen oder den seltsamen Anekdoten lauschen, die Trinkerhirne so ausspinnen.

Und hier lerne ich auch die interessantesten Menschen kennen, die man in den schicken In-Läden oder in den Büros nicht trifft; mit Geschichten, die das Leben schrieb. Bernd zum Beispiel, seines Zeichens Doktor der Archäologie, aber nebenbei Kneipendichter mit so schönen Arrangements wie "Ein Maikäfer im Wartesaal - Warum wird in Flensburg das Bier nicht schal? -" Oder Arne aus Uelzen (wo um alles in der Welt liegt Uelzen? Ich weiß es, der Bahn AG und ihrem Wochenend-Ticket sei Dank!), der sich den Traum vom eigenen Museumssegler wahr macht. Oder Erik aus der Eifel, der wie ich hier gestrandet ist und nicht wieder flott kommt, mit seiner Freundin Dominique aus Paris, die einer alten Liebe wegen in den Norden zog und eine neue fand.

Und herausragende Highlights werden hier geboten wie der berühmt-berüchtigte Luftgitarren-Wettbewerb, bei dem die Wodka-gestählten Schwestern Karama-Suff einen prima 5. Platz hinlegten, oder die witzigen Glücksradparties mit den stadtbekannten DJs Lars Palmas und Andy Sinatra, bei denen Typen mit Hippi-langem und angegrautem Haupthaar im Freak-Lederoutfit tatsächlich eine heiße Sohle zu ABBA-Klängen aufs Parkett legen; unglaublich aber wahr!

Und besonders heimelig fühle ich mich, wenn Carola, die Frau Wirtin, eine Runde Tequila kurz vor Ultimo zum Rausschmiss gibt mit den friesisch-herben Worten: "Aber den goldenen, das andere Zeuch is' doch Dreck!" Wir prosten uns übereinstimmend nickend zu, kippen den Schnaps runter und alle schwanken dann trunken und zufrieden nach Hause. Manchmal kann das Leben so schön sein!

(Bierdeckelfoto © by Kai Kanthak)


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