"On the question of youth and old age, I wouldn't trade my future for anyone's I know." - Johnny Cash
Ist es sein letztes Album? Wird er es noch einmal schaffen, die Energie aufzubringen, die für ein solches
Album notwendig ist? Für "Solitary Man", die dritte - die letzte? - von Rick Rubin produzierte Scheibe hat
er es wieder einmal geschafft, Dr. Death von der Schippe zu springen.
Dabei ist das Kraftvolle der vorletzten der American Recordings, Unchained, dem Tiefen, dem Letzten -
dem scheinbar Endgültigen gewichen. In allen Songs dominiert sein Bariton, gleichzeitig hören wir aber,
dass seine Stimme brüchig geworden ist, abschließend, verletztlich, karg. Doch sind es gerade diese Spuren
der Krankheit - einer seltenen, parkinsonähnlichen den Körper durchdringende Schwächung - , die das Schwere,
Traurige, Biblische, den Sinn und die Substanz seiner Songs beziehungsweise seiner Interpretationen befördern.
Eigentlich dürfte keine einzige Aufnahme von John R. Cash ohne das Wissen um seine Biographie gehört werden.
Eigentlich. Denn allein die beiden Songs "I See A Darkness" von Will Oldham und "The Mercy Seat" von Nick Cave
nehmen uns gefangen und lassen uns nicht aus der klaustrophobischen Umklammerung des Todes heraus. Es
entstehen düstere Bilder vor unserm inneren Auge und die Melancholie, Sehnsucht und Schwermut der übrigen
Stücke verschwindet angesichts der Ohnmacht des elektrischen Stuhls. Die Haare des Todgeweihten brennen
(Nick Cave spart kein Detail aus) und doch wird erst durch den man in black der katastrophale Schock des
amerikanischen Systems selbst für den Hörer in Europa unausweichliche Wirklichkeit. Und es ist die Stimme
unseres Heroen, die das Tragische illustriert: Der Henker trägt statt des Nummernschilds eines mit dem Wort
"Lynch" auf der Joppe, im Hintergrund die Zeugen der Hinrichtung, das Zischen der Higher Voltage...
So schreibt er im CD-Sleeve selbst von alten Bildern, die in ihm heraufziehen. 40 Jahre unterwegs, 40 Jahre
im Angesicht des Todes. 40 Jahre im Angesicht von Erfolg und Niedergang, 40 Jahre im Angesicht Gottes.
Viele Jahre davon mit Alkohol, Tabletten, Heroin. San Quentin taucht auf, ewig ist es her und er sieht die
Wächter mit der Waffe auf dem Laufsteg, während die Jailbirds mit ihren Blechtassen gegen die Gitterstäbe
trommeln, um Johnny! CASH! zu applaudieren.
Interessant ist wieder, was der Gigant des Country mit Songs wie "I Won't Back Down" (Tom Petty) oder
"One" (U2) anstellt. Die ehernen Hits werden nun zu Interpretationen mit ungeahnter Tiefe.
Tom Petty ist es
auch wieder, der neben Sheryl Crow, June Carter Cash und Merle Haggard den Meister mit einigen seiner Heartbreakers
unterstützt. Doch im Unterschied zu Unchained kümmert sich Rick Rubin diesmal darum, dass das archaische
an Cash's Stimme im Vordergrund steht. Das rockige ist nun fort, dafür siegen kleine Duette und der Einsatz von
Akkordeon (Sheryl Crow) und Geige (Laura Cash) oder Harmonium (Benmont Tench). Aber wir brauchen über die
Musiker nichts weiter zu erzählen, denn sie sind wirklich nicht der Mittelpunkt der Aufnahme.
Es ist und bleibt Johnny Cash:
Show me that river
Take me across
Wash all my troubles away
Like that lucky ole sun
Give me nothing to do
But roll around Heaven all day
"Let the music play" schließt John R. Cash die Liner Notes zu Solitary Man und neben all der Verrücktheit
und Traurigkeit bleibt die Hoffnung stehen. Für ihn ist die Hoffnung "ein Pfad des Lichts" und für uns ist
die Hoffnung der unbedingte Wunsch, dass ihm zumindest noch eine weitere von diesen Platten gelingt.