"Andere Generation"? Ist es tatsächlich so, dass man
sich selbst - in KATEGORISCHEM Urteil -
da nicht mehr vertreten fühlt, nicht mehr
'mitschwimmt' / mitschwimmen will? Ich meine, ich
bin manchmal ein bisschen sehr ums jeweils Neue bemüht
- versuche, eigenen Sturm & Drang
(Abstraktes, das dahinter stand) im jetzigen der
"Nachgewachsenen", mit denen ich mich
zwangsläufig austausche an Uni usw., wiederzuerkennen.
Und dann wird klar, dass es andere
Formen & Inhalte sind, und der Hype, wie wir ihn alle
heute betreiben, gehört dazu (wäre
auch komisch, wenn man sich gegenseitig im
Präsentationsdrang bremsen würde - man muss es
nicht übertreiben, aber so, wie ich es von früher in
Erinnerung habe, von der Allgemeinheit
nämlich "zurückgepfiffen" zu werden, möcht' ich's auch
nicht haben.
Das Bedürfnis (zu tun, zu machen, zu schreiben, auf
eigene Faust) bleibt, und das erkämpfen
sich die Jüngeren immer jeweils neu, und mittlerweile
sind es die Leute "meiner" Generation,
die ihnen immer was dagegen sagen wollen, und sie sind
teilweise bereits gesellschaftlich
legitimiert dazu - sie nicht ernst zu nehmen (eben
nicht: ihr gleiches Streben darin zu
erkennen/anzuerkennen), ihre Alt-Rebellion auf den
Sockel zu stellen (wie Du es
richtigerweise, später, von den Frustrierten,
geschildert hast - von denen DU schon genervt
warst).
Ich kann das schon verstehen - raus aus der Lähmung,
der Tradition, die lange Zeit Schreiben
eher verhindern wollte / in 70ern hieß es durchgängig:
was k ö n n e man denn noch
schreiben, allen Ernstes - Erzählprosa schon mal gar
nicht. Und Lyrik? Na ja... - auch nur
Zwang, Konvention gewesen, damals so zu denken
(übliche Anpasserei, so wie man heute auch
nicht wahrhaben will, in bestimmten Aspekten so zu
denken, wie, heute zu denken, Konvention
ist und nicht "Erkenntnis"). Heute geht's wieder, alle
Welt zeigt's. Und wenn man sich als
Schreiber dazu eben auch mal bewusst ignorant+arrogant
zeigen muss / zeigen, dass man den
ganzen Kanon und alles, was war, gar nicht immer bis
ins letzte kennen m u s s,
verinnerlicht haben muss, um selbst zu schaffen (wie
einem Pädagogen jedweder Richtung seit
Äonen weismachen wollen).
Andererseits ist's natürlich klar, der AgeSet, mit der
gemeinsamen Geschichte (aus der man
irgendwann "rausgewachsen" ist / sein sollte und dann
auf dem Sofa sitzt). Mit der
gemeinsamen Sprache, gemeinsam gehabten Hoffnungen - da
versteht man sich natürlich schon
instinktiv, auch mit Blicken, und mit den
Spätergeborenen ist das nicht ganz gleich. Und die
Ziele haben oft eher die aus den Augen verloren, die
auf ihre frühere formale Ausprägung
pochen (die ganzen Äusserlichkeiten, b e s t i m m t e
r Art, wie man k o r r e k t
revoluzzt).
Aber ich merke, ich schweife ab, zuviel Eigenes. Muss
mich kürzer, für Mail-Verhältnisse,
fassen. Und, weil ich gleich zur Vorlesung muss.
Deshalb weiter, kurz+willkürlich (keine
Komplett-Rezeption): Finde's schonmal auch gut, dass
Du Stuckrad-Barre differenziert abhandelst. Er wird,
für meinen Geschmack, zu oft schnell so
als Schlagwort im negativen Sinne gebraucht, meist von
Leuten, die nix Primäres gelesen
haben.
Ich habe grad' mal "Black Box", das Neue, gelesen.
Und: fand's gut, in seiner Direktheit und
Bosheit. Das hat seine Berechtigung, und es hat viel
mit dem eben von mir Angesprochenen zu
tun. Der macht ja auch nix Anderes, es ist "Zufällig
Erlebtes" aufgearbeitet, dann eben mit
all diesen Promis und Halbpromis. Und keiner kommt
irgendwie gut weg. Und das haben die alle
irgendwie auch mal verdient, auf ihren Sockeln. Nix
heilig.
Klar, dass er dann auch schonmal über's Ziel
hinausschiesst. Da heißt es, 'Alarm zu
pfeifen'. Oder auch, zu sehen, dass das keine
perfekten 'Lebenswerke' - früherer Konvention
nach - sind, sondern eher so Dahingerotztes.
Gleichzeitig macht es das ja genau aus, und in
weitergehender Beschäftigung würde es das verlieren...
Usw., usw.
Jedenfalls find' ich auch seine Anregung "Stop Irony!"
überdenkenswert - früher musste man
die tumbe, ernste Allgemeinheit immer darauf
aufmerksam machen: Achtung, jetzt wird's
ironisch. Mittlerweile, wo alles sich eloquent und
wunderbar aufgeklärt-sarkastisch wähnt,
ist's doch umgekehrt, und man muss mal fragen, was man
eigentlich 'ernsthaft' (geht es noch
ohne Apostrophs, auch bei mir?) will.
Usw.
Jedenfalls ist es bei den Schreibkollegen, mit denen
man meist zusammentrifft, eher ü b l i
c h , Stuckrad+Co. schnell+abfällig-kurz (wenn
überhaupt) zu erwähnen, und meist gönnt man's
ja doch einfach nur nicht so, den Erfolg. Blödsinn,
alles. Wie sonst. Menschen in Gruppen.
Immer nur ja schnell abgrenzen.
Bla, bla. Ich werde zu guruhaft, wieder. Vielleicht
sollte ich irgendwann doch die verdammte
Sekte gründen?!
Lies! Mach! Schreib weiter!
"Nicht-Intellektuell"? Ist doch Koketterie, Mann. Klar
ist das intellektuell, von Dir, kann
man auch sagen. Und "lediglich" Cafés? Ist denn andere
Rezeption "mehr wert"? Finanziell,
klar. Aber sonst? Dieser ganze bürgerliche Kanon,
unter dem wir Schreibenden ja auch
irgendwie leiden, es uns schwermachen, die
Wertigkeiten
- Stuckrad-Barre kann man prima im Schwimmbad lesen. In
der Sonne liegend hab ich's
aufgenommen. Knackige Literatur und knackige Bräune,
ich hatte was davon. Das "getrost nach
Hause" tragen ist ja eher kontraproduktiv, führt nur
zu "1 Meter Goethe" in der Schrankwand.
Passend (vor Möbelkauf auszumessen, pro Band des
Gesamten), aber ungelesen.