"No, I'm not myself today." - Gavin Friday
Wer um alles in der Welt ist Gavin Friday?, werden Jüngere wohl jetzt fragen. Zumal die besprochene
Platte jetzt auch schon wieder ganze fünf Jahre alt ist.
Gavin Friday - diejenigen, die es gewagt haben, irgendwann in den letzten 15 Jahren eine U2-Biographie
zu lesen, oder die Credits, oder die liner notes der entsprechenden U2-Alben - werden über ihn gestolpert
sein: z.B. als "Poptician" in den Credits von POP, U2's letztem offiziellem Album vor "All That You Can't
Leave Behind". Aber es muss gesagt sein, dass der Bursche in Deutschland eigentlich relativ unbekannt geblieben
ist, trotz seiner ehemals recht ‚innovativen' Ansätze als Postpunker beziehungsweise Avantgardist.
Doch jetzt begeht der Rezensent den gleichen Fehler, dem schon viele vor ihm erlagen: Er sucht die Verbindungen
zwischen Gavin Friday und der berühmteren ‚Fab Four from Dublin', U2 - um Gavin Friday zu erklären? Fehler.
Funktioniert nicht. Bono sagte einmal: "Er war immer schon zehn Jahre seiner Zeit voraus und seine Band
‚The Virgin Prunes' waren sogar zwanzig Jahre ihrer Zeit voraus."
The Prunes waren ihrerzeit, als U2 in
relativer Unschuld und Bibeltreue irgendwo im Norden und Süden von Dublin gemeinsam im jugendlichen,
zehnjahredauernden Pathos anfingen (es waren ihre Teenyjahre), die dubliner, nein, die irische respektive
neokeltische Antwort auf den Londoner Punk! und dessen Verrat durch Malcom McLaren und seinen
Sexpistols-Punk-Schwindel.
Wobei "keltisch" als bar jeder romantischen, verklärenden, amerikanischen oder deutschen Vorstellung
verstanden werden muss. Sie schlachteten tote Schweine auf der Bühne, Kuhschädel wurden gnadenlos aggressiv
‚performed', während jeder Song, jeder Text und jeder Kleidungsfetzen der Prunes nach Antworten zu schreien
schien. Those were the old days... Bono beschrieb die Ambivalenz zwischen den Freunden, die sich als
"The Village" Namen wie eben Bono Vox, Gavin Friday, Guggi oder The Edge gaben, einmal so: "Wir waren
sechszehn... die Leute machten Witze über uns und sagten: ‚Die sind so, als würden Gott und der Teufel
zusammen irgendwo herumhängen.'" Völlig klar, wer da die Rolle Gottes innehatte...
Genug der Geschichte. In den Jahren seit 88/89 tat sich Gavin Friday als Solokünstler hervor und wurde von
der Musikkritik oft als der "kreativere Teil der Jugendbande um Bono" bezeichnet. Einsortiert als Popmusiker
der Avantgarde oder Avantgardist des Pop produzierte Gavin in kongenialer Zusammenarbeit mit Maurice Seezer die
Alben "Each Man Kills The Thing He Loves", "Adam'N'Eve" (mit der wohl bekanntesten Singleauskopplung "King of
Trash") und das hier besprochene "Shag Tobacco". Zwischendurch tat sich Gavin Friday als bildender Künstler
(Maler...) und Club- oder Kaffeehausbesitzer hervor, während er definitiv als Arrangeur, Komponist und Interpret
von Soundtracks, von Filmmusik glänzte.
Populärste Belege: Die Soundtracks zu den Filmen "In the Name of the
Father" und Sheridan's "The Boxer". Dabei immer in Zusammenarbeit mit Literaten wie Patrick McCabe ("Der
Schlächterbursche" - schrieb auch das ‚Vorwort' zu Shag Tobacco - Shagging Tobacco), Filmemachern wie dem
erwähnten Jim Sheridan oder eben dem alten Kumpanen, Gebets- und Saufbruder Bono. Gegenwärtig soll Gavin
Friday, so seine inoffizielle, aber doch offiziell autorisierte Homepage, an einem neuen Album arbeiten.
Wir warten, Gavin, seit fünf Jahren schon...
Shag Tobacco - reden wir nun über das mittlerweile recht alte Album. Bekannt sein dürfte das Stück "Angel",
ist es doch auf dem Soundtrack zu der sehr modernen Verfilmung von Shakespeare's Romeo & Juliet mit Leonardo
DiCaprio zu hören. Doch interessanter ist die Scheibe, wenn Friday und Seezer Caruso erklingen lassen
("Caruso") oder das Stück "My Twentieth Century", das für den Rezensenten zum Schlüssel für die Neunziger
wurde. Interessant und tiefblickend vor allem der Teil des Songs, der sagt:
My friends are famous and all my foes live happy
Loved by Lycra, fooled by Velcro
And fucked by what they need…
Irgendwelche Parallelen zum ehemaligen, jetzt reich-berühmten Village? Ach ja. Für alle ehemaligen
Gebetsschwestern und frommen Diskutanten, die in ihrer deutsch-evangelischen Bibelstunde über die
Frömmigkeit und Glaubensgerechtigkeit von U2 diskutierten (wirklich!, in den mittleren Achtzigern, Kids),
sei diese Zeile ein klärender, manches beantwortender mind opener:
I once believed in Jesus,
Now I can't believe in Rock'n'Roll
From baptism to alcohol, in a land suffocatingly green
Und da gab es noch Songs wie "You and me and World War Three" oder "Kitchen Sink Drama" oder das bereits
erwähnte "My Twentieth Century", die den letzten Rest der Weltuntergangsgläubigkeit und die Sinnlosigkeit des
Lebens dokumentierten.
Hören wir heute diese Platte, Shag Tobacco - im Jahr 2000 - dann atmen wir noch ein wenig der
Fin-du-Siècle-Stimmung der ausgehenden Achtziger, erleben die Orientierungslosigkeit der Neunziger und
suchen vergebens die Ironie derselben Dekade. Denn Gavin Friday ist selten ironisch; vielmehr versucht er
den Spagat zwischen Biographie, Erleben und Anspruch, ohne dabei alte Träume aufgeben zu wollen. Ein Spagat
zwischen Satire, Realismus, Romantismen, Schwärmerei und Nüchternheit. Deshalb wohl der "Avantgardepop". Und
damit steht er in bester Tradition der Dichter McCabe, Oscar Wilde und Patrick Galvin, genauso wie einzelner
Arbeiten von Bukowski oder des Filmemachers Jim Sheridan - oder aktueller Produktionen wie die "Avenue B" von
Iggy Pop, von Gavin selbst rezensiert.
Einfacher ausgedrückt: Er ist der Wanderer zwischen den Welten, den wir
uns selbst nicht mehr zugestehen, weil wir die Avantgarde aus unserem Leben vertrieben haben.
Kann eigentlich gar nicht erwarten, nach all den Jahren mal wieder was von dem Kerl zu hören.