Bedrohlich Hin und Her schwankend stürzt der blaßgrüne Doppeldecker von Dublin Bus mit der Nummer 42 die
engen Straßen hinunter, um anschließend durch
furchterregend enge Kurven den nächsten Hügel hinauf zu klettern.
Unten brummt der Volvo-Motor,
während sich der Bus beängstigend nah an die grauen Mauern alter Kirchhöfe und Felder schaukelt.
Doch das macht dem kleinen Mädchen neben mir nichts. Es hält sich stehend an der ersten Stange vorn
an der Frontscheibe fest und liest ihrer Mutter die großen weißen Buchstaben vor, die regelmäßig vom
schwarzen Asphalt zu uns hinaufblitzen: S-L-O-W. Der Fahrer indes bleibt gleichgültig; ihn interessieren
die weithin sichtbaren Warnungen nicht und so gerät schon die Busfahrt zu einem winzigen Abenteuer.
"Unsere Fahrer sind ja so talentiert", sagte tags zuvor eine ältere Dublinerin, während sich der Bus
hupend mit abrupten Brems- und Ausweichmanövern durch den stehenden Dubliner Verkehr drängelte - ohne
dabei Rücksicht auf Stoßstangen und Rückspiegel zu nehmen.
"Die Straße raus nach Malahide" schreibt
James Joyce im Ulysses, es ist immer noch die Malahide Road des Romans und je weiter der Bus kommt,
desto weniger scheint sich hier seit Leopold Blooms Zeiten verändert zu haben.
Nach der langen Holperfahrt taucht das Städtchen Malahide dort auf, wo Dublin endlich aufhören will.
Malahide (irisch: Mullach Íde) ist ein ruhiger sonniger Flecken direkt an der irischen See gelegen,
in dem heute vor allem wohlhabende Dubliner und Rockstars wie der Sänger Bono von U2 leben.
Doch das malerische Malahide und das achthundertjährige Malahide Castle, selbst einen Besuch wert,
lassen wir heute links liegen und steigen um in die Nummer 102, die nach Sutton Cross abgeht.
Die 102 rumpelt die Küstenstraße dahin, es stinkt nach Diesel und wer die letzte Sitzbank erwischt,
bekommt die Sitzheizung mitgeliefert, denn unterm Sitz befindet sich der Motor. Der Fahrer hört Dublin
Radio, als wir durch Portmarnock kommen, bringen die Nachrichten den für Irland nicht gerade glücklichen
Ausgang des Berliner EU-Sondergipfels.
"Ireland Lost" titelte der Mirror, doch die meisten zucken mit den
Achseln, denn der Celtic Tiger, das "irische Wirtschaftswunder", hat zwar viel Geld nach Dublin gebracht,
aber eben nicht Jobs für alle. "Die neuen Jobs sind eher was für die jungen und ledigen", erzählte Ray
Kavanagh, Generalsekretär von Irish Labour ein paar Tage vorher. Er saß da, mit hochgekrempelten Ärmeln
in seinem vollgestopften und überheizten Büro, drehte unablässig einen Kugelschreiber zwischen seinen
Fingern und sprach vom irischen Aufschwung. Ein Aufschwung, der im Wesentlichen durch deutsche EU-Beiträge
und Steuervergünstigungen für ausländische Investoren entstanden ist.
"Weißt du, ich habe noch nie so viele
junge Menschen mit Geld in den Taschen gesehen. Unser eigenes Wirtschaftswunder!" Junge Menschen mit Geld in
den Taschen? Zwei etwa achtzehnjährige Mädchen steigen ein, Säugling und Kinderwagen in die 102 bugsierend.
Nach Geld sieht das nicht aus und am Wirtschaftswunder ist es nicht nur die Ungleichheit, die einen wundert,
sondern auch die Tatsache, daß die Zeitungen in Irland dieses Wort deutsch schreiben.
Aber Irland! Die beiden jungen Frauen freuen sich über den sonnigen Tag und unterhalten lauthals schwatzend
den ganzen Bus. Irgendwann passieren wir St. Marnock, der Busfahrer bekreuzigt sich, als wir an einer
Marienfigur vorbeikommen - ohne dabei sein Gespräch mit einem Fahrgast zu unterbrechen.
In Sutton Cross hält der Bus vor dem Bahnhof und das letzte Stück nach Howth geht's für 80 Pence mit dem DART,
den grünen und "pfeilschnellen" Zug der Dublin Area Rapid Transport. Nicht lange, und der "gute alte Howth",
wie Leopold Bloom im Ulysses des James Joyce schwärmt, taucht auf, Nordost, ragt flach und gedrungen überm
Hafen, obenauf ein kleiner Turm.
Das eigenwillige Howth, das selbst einen wie Joyce begeistern konnte. Es kehrt geographisch wie mental Dublin
den Rücken - denn Howth sieht nach Norden, zur See hinaus. Dieses Völkchen hier hat beides: Auf der einen Seite,
in beruflichen und geschäftlichen Dingen, mögen sie enthusiastische Dubliner sein, eloquent, durchaus froh über
ihre meist gut dotierten Jobs in der Stadt und das kulturelle Angebot mit Weltniveau. Aber auf der anderen Seite,
zu Hause, sind sie regelrechte Dörfler. "Hügelbewohner mit eigenem Stil", wie jemand aus Howth sagte und eben
auch Seefahrer - mit einem ausgesprochen maritimen Lebensstil, der irgendwo sehr weit weg von jeglichem urbanem
Zentrum gepflegt werden könnte, aber nicht in unmittelbarer Nähe der Hauptstadt.
Phönizier und Norweger kannten diesen Ort bereits vor ewigen Zeiten und die Wikinger nahmen's ein und gaben dem
Flecken seinen Namen. "Hoved", das bedeutet "Kap".
In Erinnerung an die nordischen Wurzeln benannten Joan und Aidan MacManus ihr Restaurant "The King Sitric" - das
Fischrestaurant liegt am Ende des East Piers. Einst das Heim des Hafenmeisters, ist es nun bekannt für seine
exzellente Küche. Der Fisch stammt aus der Balscadden Bay und der irischen See, besondere Spezialitäten sind
Howth-Krabben, Austern, Steinbutt, Schwarze Seezunge - und natürlich Hummer, denn das King Sitric hat seine
eigenen Hummerfischer, die dafür sorgen, daß die Langusten täglich frisch angelandet werden. Der Chef kocht
selbst, während Joan die Gäste bedient. Familiäre Atmosphäre, wie in den meisten Lokalen hier und trotz der
besonderen Küche und einer gut sortierten Weinkarte bleiben die Gerichte auf der Karte des King Sitric
erstaunlich erschwinglich, ein Menü bekommt man für etwa 28 £.
Leopold Bloom spaziert im "Ulysses" durch einen Park, dem Howth Castle zugehörigen Park. Seit dem 12.
Jahrhundert residiert die Familie St. Lawrence in Howth Castle und während Howth Castle nicht zu besichtigen
ist, lohnt sich ein kleiner Spaziergang durch den schönen und öffentlich Zugängen Park allemal. Über die Familie
St. Lawrence wird eine ebenso amüsante wie schrullige Anekdote erzählt:
Im 16. Jahrhundert ankerte die
berüchtigte Piratenkönigin Grace O'Malley in Howth und beschloß, der Familie im Schloß zum Dinner "einen
Besuch" abzustatten. Doch sie stand vor verschlossenen Toren, denn der Familie St. Lawrence fiel es nicht
ein, für jene Unperson den Essenstisch zu verlassen.
Erbost entführte "Grace Darling" (Bloom) den Sohn der
Familie nach Mayo und verlangte, daß die Tore von Howth Castle zur Essenszeit immer offen zu bleiben haben und
daß außerdem zu jeder Mahlzeit ein weiteres Gedeck für das Familienoberhaupt der O'Malleys gedeckt werden muß.
Diesen Wunsch verwehrte sich die Familie St. Lawrence nicht, der Sohn kam heil zurück und angeblich hält sie
sich heute noch an diese Anordnung der Piratenkönigin aus den Gewässern von Mayo.
Im Hafen liegt der Seenotretter "City of Dublin", eine Tafel am Stationshaus berichtet über dessen Einsätze.
Vom Meer weht eine frische Brise, während zwei Männer das Schild mit den Abfahrtszeiten für das Motorboot zu
Ireland's Eye neu malen: "Dublin Bay - Ireland's Eye - Lambay Island - daily. Phone 087-2678211". "Landed a
body" stand knapp auf der Tafel am Seenotkreuzer , und man versucht, den Blick hinaus über die friedliche
Balscadden Bay und Ireland's Eye mit dem Tod eines Unbekannten im kalten Wasser der irischen See zu bringen,
an einem Donnerstag im Juli 1989.
Links vom King Sitric geht die Balscadden Road ab und führt steil über den Rand der östlichen Klippen von Howth.
Direkt an den Grundstücken angrenzend bricht der Hang weg und weit unten schlägt das Meer gegen die Klippen und
zerklüftet und höhlt sie aus.
Nach wenigen Metern taucht zur Linken ein unscheinbares, weißgestrichenes Cottage
auf: das Balscadden House. Bei einem ersten Besuch übersehen, fällt nun eine Tafel links neben der Haustür auf:
"I've spread my dreams / under your feet, / tread softly because / you tread on my dreams."
Der junge William
Butler Yeats lebte hier mit seinem Vater von 1880-1883, nachdem die Dubliner Familie nach längeren Jahren in
London nach Irland zurückgekehrt war. Der Aufenthalt im Balscadden House soll einen wesentlichen Einfluß auf
die Arbeiten des jungen Yeats gehabt haben soll, denn jedes Fenster des Hauses erlaubt den direkten Blick auf
den Hafen und das Eiland Ireland's Eye.
Yeats, als maßgeblicher Wortführer einer traditionellen irischen
Dichtung mit ihren vielfältigen mythischen und spirituellen Einflüssen, mag auch von der Geschichte des
Eilandes beeindruckt gewesen sein. Einst lebten hier Mönche, die das Evangelienbuch Garland of Howth
illustrierten, das neben dem Book of Kells zu den Attraktionen im Trinity College in Dublin gehört. Was
so friedlich aussieht, war aber auch immer wieder ein Versteck für Schmuggler und Widerstandskämpfer.
Die
"Geschäfte" der heimischen Fischer hatten ihren bemerkenswerten Höhepunkt 1914, als sie 1 000 Gewehre an der
Hafenpolizei vorbeischmuggelten. Waffen, die für den Freiheitskampf der Irish Volunteers bestimmt waren.
Balscadden House steht heute für 850 000 Pfund Sterling zum Verkauf und das Interesse gilt vor allem
erfolgreichen Künstlern, denn nach W. B. Yeats kamen noch andere wie Bing Crosby und Peter O'Toole, die
das geschichtsträchtige Domizil ihr eigen nannten.
Direkt nebenan steht die Tara Hall, ein viktorianisches Gebäude, dessen Grundstücksmauern direkt über
der See enden. In der Mauer ist eine kleine Tür, auf der anderen Seite muß einmal Land gewesen sein, heute
aber führt sie ins Leere. Irische Details. Die Leute von Howth haben ein ganz eigenes Verhältnis zur Zeit.
Immer noch kommt der Milchmann am Morgen vorbei und stellt die Milch auf die Türschwelle, ein charmanter
Anachronismus, wenn auch die Milch nicht mehr in Flaschen abgefüllt ist, sondern im sterilen Tetra-Pack.
Am Ende der Balscadden Road bleibt nichts als ein kleiner, schmaler Pfad, der Anfang des Rundweges um die
Halbinsel, auf Seeseite immer scharf am Klippenrand. "Ihr Klippen und Felsenspitzen", jubiliert Leopold Bloom,
"einmal wieder bin ich bei euch." Ein kleines Paradies, oben der blaue Himmel und der großartige Blick auf die
blinkende irische See.
In der Ferne zieht langsam ein Bojenleger Richtung Dublin Bay und unten in den
zerklüfteten Felsen füttern Seevögel ihre kreischende Brut. Die Zeit scheint stehenzubleiben, die mit
Gras bewachsenen Hänge sind unglaublich grün, während im Windschatten absolute Stille herrscht und
direkt nebenan ein paar Möwen im Aufwind ruhig und gelassen und nahezu synchron segeln.
Der Pfad geht noch eine Weile oben am Klippenrand entlang, bis nach einer Biegung in der Ferne die
Ausläufer der Wicklow-Mountains hinter der Dublin Bay zu sehen sind. Samuel Beckett ist dort gern
mit dem Fahrrad gefahren, daran denkt man nun, während unter uns, auf einer kleinen Landzunge, weiß
und gedrungen der Bailey Leuchtturm steht. Auch ein Ort im Ulysses des Joyce.
Er markiert den Anfang
der Dublin Bay, wichtiges Leitfeuer für die einfahrenden Schiffe. Draußen, irgendwo dort, wo die Liffey
Dublin verläßt und in die Dublin Bay strömt, sieht man eines der "Wahrzeichen" von Dublin: Die weithin
sichtbaren, rot-weiß-gestreiften Zwillingstürme des Wärmekraftwerks, das am Rande von Irishtown direkt
am Wasser liegt.
An der nächsten Weggabelung geht es nach rechts, durch die Rhododendren ("... der Tag, als wir unter den
Rhododendren lagen, oben auf dem Howth ..." erinnert sich Leopold Bloom) und nach vielleicht zweihundert
Metern führt der Weg steil nach oben, zur Kuppe des Ben Howth. Ein Wanderparkplatz taucht hinter den
Gebüschen auf und eine Straße geht nach Westen ab, den Hügel hinunter, ins Dörfchen Howth Summit.
Mitten im Dorf dann die Bushaltestelle, ein Kiosk und: Das Summit Inn - ein großer, aber sehr gemütlicher
Pub, Treffpunkt der Dorfbevölkerung, Raststätte für die Klippenwanderer. Auf den beiden Fernsehbildschirmen
läuft das Spiel Nordirland gegen Deutschland, aber kein Fußballgegröle ist zu hören.
Die Jungen spielen
seelenruhig Billard, während sie ab und an ein Auge auf den Fernseher werfen. Eine ganze Reihe der Alten
steht an der Bar und ihre Kommentare versinken im vielstimmigen Gemurmel und nicht zuletzt in der schwarzen
Tiefe eines Pint of Guinness. Der Vater des Wirts, ein echter Oldtimer, kümmert sich um den Kamin. Vor drei
Jahren kam man herein, er hielt eine alte Wurzel in seinen knorrigen Händen und nun, seltsam genug, steht er
wieder da. Immer noch, meint man und fühlt sich augenblicklich zu Hause.
Aber die Zeit rennt nun wieder, sie hat sich erinnert: Ein Guinness, zwei Zigaretten - und es geht zurück,
eine letzte Fahrt mit dem Doppeldecker, die Carriback Road hinunter, nach Dublin.
Ebbe herrscht mittlerweile über Dublin Bay, während der Bus die Dublin Road entlangzuckelt, erst am Watt
entlang, um dann nach einer Weile mitten ins Herz der "dreckigen alten Stadt" zu verschwinden.
"Nice day, is it?", sagte der alte Mann. Fürwahr, ein schöner Tag im Schatten des "guten alten Howth".
[Infos: Dublin Tourism Centre, Suffolk Street, Dublin 2. Telefon von Deutschland: 00800 668 668 66, E-Mail - gulliver@fexco.ie]