Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.
(Eichendorff, Wünschelrute)
Stattdessen ist's mucksmäuskenstill. So scheint's, und in dem Punkt geb ich René Recht: Die Erkenntnisse der
Jüngeren dümpeln in knietiefem Wasser nur: ganz sicher -- harmlos, niemand kann ertrinken oder untergehen.
Aber zum Schwimmen reicht's eben auch nicht. In jedem der Briefe an die Leser (Titanic) steckt mehr Tiefgang
als in den seichten Pfützen besagter Autoren (ganz arrogant dahingeworfen, ohne wirklich alles bis ins Letzte
zu kennen, was da so zwischen Buchdeckeln oder in Schubladen schlummern mag). Reduktion des Zu-Wenig
allenthalben.
Was fehlt? Der tiefe Seufzer nach dem Zuschlagen eines Buches, weil im Hirn der Schwurbel angekurbelt, die
gedankenverlorenen Stunden, die den Gewinn des Lesens gerade ausmachen. Lebenswerte, Herzensdinge, Seelenbalsam.
Stattdessen überall nur "Zeichen für Leere, Taubheit und eben Reduktion" (Märtin) - und eben nicht zu vergessen:
Blindheit. Das zu monieren hat mit gesellschaftlicher Legitimation nix zu tun, Christian, sondern damit, dass
man sie ernst nimmt, die Nachgewachsenen und Spätergeborenen. Gleiches Streben von ihnen erwarten? Auf keinen Fall.
Es ist eine andere Generation, keine Frage. Andere Formen, andere Inhalte. Sollten letztere aber "eigentlich
mit anderen Dingen gefüllt werden" (Märtin)?
Wen wollte man damit erreichen? Den jungen Leser? Will man mit der Schreibe seinen Lebensunterhalt
bestreiten, muss man eben den im Blick haben. Die Misere ist aber bezeichnenderweise, dass es "wohl nie
der Text, das Wort" (ebd.) ist, auf die jener seine Antennen richtet. Augen öffnen, Herzen füllen, Seelen
salben? Gut und schön, leider nicht mehr wahr. Oder doch son bisken? Wofür sonst Propaganda? Die Leut vom
rechten Weg abzubringen? Doch wie sagtest du, René, ganz richtig: du erreichst kaum den, der nicht zu deinen
Kreisen zählt. Anspruch versickert nur im Ödland und der junge Leser verdurstet in Bleiwüsten. Reduktion
scheint, um nicht "kontraproduktiv" (Breuer) zu wirken, angesagt. Bleibt die Frage nach dem Wie. Klagen wir
nicht über die Verbildung der Altachtundsechziger, der man ausgesetzt war, sondern nehmen wir einen ihrer
Helden vor und schauen:
"Nie darf man kleinlich sein beim Streichen. Länge ist gleichgültig und die Furcht, es stehe nicht genug da,
kindisch. Man soll nichts darum schon für daseinswert halten, weil es einmal da ist, niedergeschrieben ward.
Variieren mehrere Sätze scheinbar den gleichen Gedanken, so bezeichnen sie oft nur verschiedene Ansätze etwas
zu fassen, dessen der Autor noch nicht mächtig ist. Dann soll man die beste Formulierung auswählen und an ihr
weiter arbeiten. Es gehört zur schriftstellerischen Technik, selbst auf fruchtbare Gedanken verzichten
zu können, wenn die Konstruktion es verlangt. Deren Fülle und Kraft kommen gerade unterdrückte
Gedanken zugute. Wie bei Tisch soll man nicht den letzten Bissen essen, die Neige nicht trinken. Sonst macht
man der Armut sich verdächtig." (Adorno, Minima Moralia)
Im Grunde sagt dies längere Zitat wohl nicht mehr als "Schreiben [...] benötigt die Reflexion und Korrektur,
die Bildung an Wort und Geist, die Auseinandersetzung" (Märtin). Aber es führt uns darüber hinaus zu dem, was
Reduktion noch heißt. Leerstelle und Kürzung sind ja nicht von vornherein verkehrt, wenn sie nämlich nicht von
Betäubung und dem Augenverschließen herrühren (taub und blind ging folgerichtig Hamsun übern Jordan...), sondern
mit Mark und Gehalt füllbar sind. Das will der junge Leser (s.o.) aber nicht, denn das bedeutet Gripstheater.
Er will mit Recht "keine perfekten 'Lebenswerke'" (Breuer), denn die sind seinem Leben völlig fremd und
obendrein noch schwer verdaulich.
Fast-Food-Literatur, "Dahingerotztes" (ebd.), was im Schwimmbad wie auf dem
stillen Ort durchaus seine Berechtigung hat, kann aber nicht allein die Alternative sein. Etwas mehr Nährwert
in der Buchstabensuppe wird man dann und wann schon erwarten dürfen. Dabei auch mal durch die literarische
Tradition zu surfen ist durchaus in Ordnung. Aus der Versenkung holen, was überliefernswert, Fäden aufgreifen,
weiterspinnen, zeigen, wo Tucholsky heut noch hebt und lebt. Nicht leiden an dem bürgerlichen Kanon,
Christian, es ist der Boden, auf dem man stehen kann, der Morast, der trockenzulegen oder gangbar zu machen
ist, und auch der Misthaufen, der bisweilen zu wenden ist - aber bitte: nicht immer alles ernsthaft.
Und ich? Kann's ja auch nicht, aber ich darf mich auch nicht mehr der jungen Generation zurechnen.
Wo sind also die jungen Autoren, die uns zeigen, wo's lang geht?