Hardy Dittberner
old four-eyes

and have you travelled very far
far as the eye can see
how does it feel to be
one of the beautiful people

old four-eyes

john lennon konnte seinen augen nicht trauen. bekanntlich war er blind wie eine fledermaus, wie auch freundin und spätere frau cynthia ohne sehhilfe praktisch mit blindheit geschlagen war. ihre romanze begann denn auch damit, dass sie am liverpool college of art austauschten, was beide nicht sahen. etwa den bus, wenn er kam. immerhin sehen vier augen mehr als zwei. lennons hilfsaugen, die er zu rüpelzeiten an der quarry bank high school verpasst bekam, sahen allerdings wie glasbausteine aus und steckten in einem horngestell, an dem später die bügel mit heftpflaster klebten. gegen ein kassengestell hatte der halbstarke john winston sich schon standhaft gewehrt, doch eigentlich galt in seinen augen jede brille als ein zeichen von schwäche. also blieben die nasenfahrräder von john und cyn gewöhnlich zu haus stehen und gemeinhin galt: they tumble blindly as they make their way across the universe.

wer sich einen spaß daraus machte, rief den beiden auf der straße von fern ein hallo zu und weidete sich an ihren vergeblichen versuchen den rufer zu fokussieren; bis schließlich lennons geste in die ungefähre richtung so etwas wie hello goodbye hieß. wer im kinosessel neben john, you know i need someone, platz nahm, musste ihm am laufenden meter einschärfen, was elvis da gegenwärtig auf der leinwand tat oder dass der king da soeben erschossen wurde. bei den mccartneys in der forthlin road, wo lennon die ersten songs schrieb, ließ er sich auch lieber ohne brille blicken, kniff die augen zusammen, erkannte weder freund noch feind. kurzsichtiger schaden? zum beispiel der zertrümmerte stuhl im cavern club mit der aufschrift "the chair which killed freda in the third row after she'd asked beatle paul to play 'searchin' for the 282nd time, thrown by john beatle lennon (he was aiming at paul, but didn't have his glasses on again)".

selten nur schärften gläser seinen blick, nämlich wenn er aufnahmen im studio einspielte oder seine musikalischen fertigkeiten schliff. schon lange ein fab bekam er die brille immer noch schneller von der nase als die fotografen die kappen von den linsen. höchst anstrengend für jemand, der beliebter war als jesus. doch es blieb dabei, brillen waren einfach "zu schwul". das dilemma konnte auch mit kontaktlinsen auf dem höhepunkt der beatlemania nicht aus der welt geschafft werden, da sie ihn nur mit hotelzimmerteppichen in aller welt näher bekannt machten. erst die dreharbeiten zu "how i won the war" beendeten den inneren kampf. als soldat gripweed mit kurzem haar und nickelbrille wühlte er sich durch den ganzen schlamm der kriegsglorie. das kassengestell aus dem film brandete schließlich wie einst der pilzkopf zur riesigen modewelle. die oma-brille wurde zum markenzeichen, ob randlos in der leuchtschrift an cyns restaurant lennon's in london oder ausgestellt als reliquie im amsterdam hilton in der bed-in-for-peace-suite. damals prägte sie aber vor allem den neuen john, looking through a glass onion lennon.

and now my life has changed in oh, so many ways.

indes schien der neue scharfsinn unzureichend nur. tiefere einsichten suchte john sich mit dem schlucken reichlicher mengen lsd zu verschaffen. um den erschlafften schaffensprozess neu zu beleben, spähten glasige augen in den bilderwelten der avantgardistischen künstlerkreise londons nach ausdrucksformen, die seine persönlichkeit stärker zur geltung bringen konnten. die orientierung fiel nicht leicht (the more that i see the less that i know for sure), bis ihm in einer kleinen galerie die frau begegnete, die schon bald seine bessere hälfte werden sollte. the ballad of john and yoko bahnte sich an: "sie ist gekommen und hat mich daran erinnert, dass es licht gibt." yoko ono erläutert: "es geht um das verlieben. man fängt an, alle möglichen dinge zu sehen, die man nicht sieht, wenn man nicht verliebt ist."

wer zu jener zeit in das magische auge einer transistor-box blickte, konnte lennons neue sicht der dinge auch hören: das flower-power-poppige strawberry fields forever oder die psychedelischen songs auf dem sgt. pepper album, die freilich nicht von jedem sender gespielt wurden - wo käme man hin, wenn jeder durch kaleidoscope eyes sehen wollte? gleichwohl wurden die lennon-songs brillanter und eine botschaft wie 'love is all you need' fiel bei der love generation natürlich auf fruchtbaren boden. kosmische meditationen beim maharishi mahesh yogi vertieften vorübergehend johns innensicht, die ihn für die konzeptkunst in grapefruit, einem buch von yoko, empfänglich machte. apple war da weitaus weniger vitaminhaltig. immerhin nahm john mit revolution, der single-b-seite zur einweihung des labels, politisch stellung zu den studentenrevolten in europa und der zunehmenden protestbewegung in den staaten gegen die amerikanische kriegsführung in vietnam. seine perspektive war klar: well, you know we all wanna change the world / but when you talk about destruction / don't you know that you can count me out? gewalt ist kein mittel, die welt zu verändern.

lennon erkannte, dass es neben den beatles ein anderes projekt geben musste, wenn man kunst als propaganda betreiben wollte. mit der plastic ono band schufen john und yoko die hymne give peace a chance (die noch elf jahre nach seinem tod in der neuaufnahme gegen den drohenden golfkrieg mit sohn sean, yoko und lenny kravitz von der bbc verboten wurde) und verbreiteten die parole power to the people, deutliche signale für ihr wachsendes politisches interesse.

was die künstlerische facette anging, war revolution 9 auf dem white album schon weit radikaler als die politische motivation in revolution 1 und gab den vorgeschmack auf eine klangexperimentelle unfinished music der two virgins - was lennons ansehen minderte, so manchen fan verschreckte und anlass gab zu glauben, yoko ono sei es, die die beatles auseinanderbringen würde. dass sie ihm nach johns bekenntnis aber vielmehr die augen geöffnet hatte, wurde nach den avantgardistischen blindgängern deutlich. als das ende der gruppe abzusehen war, wurde immer weitsichtiger der poet, künstler und visionär. imagine kam träumerisch und utopisch daher, bezeugte aber lennons prinzipielle weltanschauung: nothing to kill or die for, no need for greed or hunger, no possessions (naja), no religion, no countries...

als john ono lennon mit yoko nach new york ging, fanden sich genügend anstöße für ein radikaleres politisches engagement. nach dem blutigen vorgehen britischer truppen in londonderry beließen es die lennons nicht dabei, bei eisigen temperaturen auf der straße für einen boykott britischer exporteure zu demonstrieren. augenfällig wurde der protest in sunday bloody sunday: well, you anglo pigs and scotties / sent to colonize the north / you wave your bloody union jack / and you know what it's worth! / how dare you hold to ransom / a people proud and free? / keep ireland for the irish / put england back to sea! und immer wieder war vietnam anlass, dass es aus lennons pazifistischer ader in die feder floss: war is over! (if you want it). "der kampf findet im kopf statt. wir müssen unsere eigenen monster begraben und aufhören, andere menschen zu verfluchen. wir sind alle christus, und wir sind alle hitler." oder nixon, der kaum einen monat nach erscheinen der single happy xmas (auf der jener slogan zwei jahre später vertont wurde) die massive bombardierung von hanoi und haiphong anordnete. diese angriffe gingen als die schwersten des vietnamkriegs in die geschichte ein und riefen entrüstungsstürme in aller welt hervor. vor diesem horizont wurde außerdem nixons verstrickung in eine abhör-affäre für lennon interessant.

da er während der kräftezehrenden querelen mit der einwanderungsbehörde selbst einige jahre unter regierungsbeobachtung stand, verfolgte er die watergate-verhöre in new york regelmäßig. politische und gesellschaftliche missstände mit argusaugen zu verfolgen und plakativ anzuprangern hatte er sich zur aufgabe gemacht. so in attica state: free the prisoners, nail the judges / free all prisoners everywhere / all they want is truth and justice / all they need is love and care oder in woman is the nigger of the world: we make her bear and raise our children / and then we leave her flat for being a fat old mother hen. das album some time in new york city, vom cover her wie die new york times aufgemacht, zeigte zu lennons späterem leidwesen allerdings, wie sehr sich der dichter von der lyrik entfernt und zum journalismus hin bewegt hatte.

das album mind games mit der idee von einem konzeptionellen staat nutopia klang infolgedessen wieder schwer nach imagine: nutopia has no land, no boundaries, no passports, only people. nutopia has no laws other than cosmic. das ganze war wenig originell und hatte etwas von einem aprilscherz (april 1st, 1973 war das datum, an dem john und yoko die declaration of nutopia unterzeichneten). die muse hatte lennon verlassen und seinen blick getrübt.

yoko blieb in new york, john ging nach los angeles, um den tiefpunkt seines lebens voll auszukosten. bei saufgelagen mit harry nilsson, keith moon, ringo starr, jim keltner... trank er übermäßig gegen seine depressionen an. temperature's rising, fever is high / can't see no future, can't see no sky. entsprechend mies benahm er sich, stieß freunde blindlings vor den kopf, demolierte einiges mobiliar, zerschmetterte die brille gar.

nach fünfzehn monaten hatte er die krise überstanden und kehrte zu yoko zurück. mit dem auge der vernunft verzichtete er auf rauschmittel, schränkte alkohol und zigaretten auf ein erträgliches maß ein und sah nach der geburt von sohn sean seinen lebensinhalt darin, hingebungsvoll in die rollen vater und hausmann zu schlüpfen. schmerzvoll nur insofern, dass er künstlerisch nicht mehr produktiv sein konnte. fünf jahre hielt er aus, dann entschied er sich für ein comeback. life is what happens to you when you're busy making other plans. er arbeitete mit yoko an aufnahmen zu double fantasy und schielte auch schon mit einem auge danach, wieder mit dem schreiben anzufangen, schaute also gerade wieder zuversichtlich in die zukunft.

mark chapman hatte er nicht kommen sehen. fünf schüsse feuerte dieser aus einem 38er revolver in lennons rücken. oh, boy, when you're dead you don't take nothing with you but your soul. think! die brille blieb - blutverschmiert. yoko präsentierte sie auf dem cover ihres albums season of glass der welt. take these sunken eyes and learn to see all your life, you were only waiting for this moment to be free.

see you

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