Der Autor Das Gesicht der Einsamkeit?
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Oliver Münker
Last Chance Lost Chance - Das Warten des Einsamen
Die Dame von unten hat sich den Staubsauger geliehen. Diese fremde Nachbarin hat geschellt und sich den Staubsauger ausgeliehen, hat ihn aufgeschreckt. Er musste reden, sie hat ihn in das Reden hineingeschreckt.
Er musste - Ja, gerne - sagen.
Unerwartet fehlte die Geistesgegenwart. Er hätte gerne mehr gesagt. Vielleicht mit ihr gesprochen. Immerhin hat sie gelächelt.
Aber sie wird wiederkommen.
Er sagt es sich vor: Sie wird wiederkommen. Sie muss den Staubsauger zurückbringen, also wir sie wiederkommen. Das kann noch dauern, einmal dauerte es einen Tag, bis er den Staubsauger zurück bekam. Nicht von der Dame, sondern von einem Herrn. Die Dame bringt in der Regel schnell zurück.
Er kann warten.
Schließlich weiß er, dass er auf etwas wartet. Auf jemanden wartet. Ein Mensch wird anschellen.
Erstmalig seit langer Zeit wird er vorbereitet die Tür öffnen, lächeln - was er eben versäumte - und sie hinein bitten. Das ist eine Idee: er wird sie hinein bitten und wird mit ihr reden.
Die leeren Zimmer werden einen Menschen beherbergen, einen anderen, unbekannten Menschen. Dieser Mensch wird mit der Zeit innerhalb seiner bekannten Räume selbst zu einem bekannten Menschen.
Er bereitet sich vor:
Er macht sein Bett.
Er spült Geschirr.
Er rasiert sich.
Die fremde Nachbarin lässt sich Zeit - das ist gut so.
Er vergisst auch nicht das Wichtigste:
Er erdenkt einen Vorwand, sie hinein zu bitten.
Dabei ist es kein Vorwand, nur Interesse und Einsamkeit. Es ist aber nicht gut, zuviel Interesse zu bekunden - man wird uninteressant. Es gibt zu viele interessante Menschen, denkt er und seufzt. Er selber ist nicht interessant.
Also richtiger:
Er sucht die verbale Floskel, die fremde Nachbarin hinein zu bitten, ohne sich uninteressant zu machen.
Danach sitzt er in der Küche und kocht Kaffe für beide.
Besieht die Decke.
Horcht auf Treppengeräusche, die als mögliche Ankündigung in ihn eindringen.
Trinkt Kaffe von beiden.
Besieht ein Buch und seine Nägel.
Sie wird wiederkommen. Das Warten stört nicht, sie wird kommen und man wird reden. Sie kann nicht ablehnen, nachbarschaftliche Höflichkeit muss ihr das verbieten.
Er kocht neuen Kaffe.
In der Küche baut er sich eine Bühne. Die Nachbarin als Premieren-Publikum. Er setzt sich in Szene: Dort liegt ein Ordner, dort ein Füller, verstreut wichtig aussehende Briefe und Bücher, arbeitsam leicht zerzaustes Haar.
- Ich bin gerade bei der Arbeit, wird er sagen.
Wird danach alles beiläufig hastig zusammenräumen und ihr einen Platz anbieten. Wir die Bühne zerstören, denn sie hat ihr Werk getan, und er wird als Akteur fortfahren zu beeindrucken. Es ist interessant, wenn man als fremde Nachbarin wichtiger ist als die Arbeit. Kreative Arbeit, weil alles so verstreut liegt. Kreativität ist interessant.
Alles unterliegt der genauen Dramaturgie des Einsamen. Es bleibt kein Platz für den Zufall.
So wartet er. Sie wird kommen. Mit dieser Gewissheit lässt es sich gerne warten. Denn: sie wird kommen. Banal: weil sie den Staubsauger hat.
Sie ist schön, findet er. Was sich nicht fand, war einzig die Gelegenheit zu einem Gespräch. Ihr Kontakt beschränkt sich auf den Verleih seines Staubsaugers und auf die Rückgabe seines Staubsaugers. Immer untersetzt von einigen Höflichkeitsfloskeln. Von ihrer Seite. Der Staubsauger saugt sehr gut. Aber das weiß er - er saugt sehr oft. Öfter als sie. Sie lächelt immer. Er fast nie. Seine einsame Unsicherheit findet als Zuflucht nur die höfliche Floskel, Abschied als Mittel der Unsicherheit, Abschied als Ausdruck der Unfähigkeit des Einsamen.
Heute ist es anders. Sie wird wiederkommen und man wir reden.
Miteinander und vielleicht wir man sich gegenseitig anlachen. Er kann witzig sein, wenn er es versucht. Was selten vorkommt.
Er legt Musik auf, die er mäßig abgemischt findet.
Er blättert in einer Zeitschrift, die er schlecht gestaltet findet.
Er besieht die Decke, die er gut gestrichen findet.
Er horcht auf jedes Treppengeräusch.
Er ist enttäuscht, wenn das Treppengeräusch vorbei geht.
Sie wird kommen. Natürlich wird sie kommen: sie hat den Staubsauger.
Seine Gedanken werden zur Litanei.
Er nimmt den Hörer des Telefons ab und horcht auf das Tuten.
Er wird nicht angerufen.
Er ruft nicht an.
Er benutzt sein Telefon nie - es sei, irgendein Jemand ist falsch verbunden.
Er stellt den Fernseher an.
Er schaltet durch die Programme und schaltet den Fernseher wieder aus.
Sie saugt heute lange.
Vielleicht hat sie ihn vergessen. Nein, nicht ihn - den Staubsauger vergessen. Sie wird kommen. Sie wird den Staubsauger ja vor Augen haben, ihn sehen und sich erinnern. Kein Mensch räumt geliehene Staubsauger weg. Sie wird kommen.
Er besieht den Teppich - er muss mal wieder saugen ...
An der Tür klingelt irgendein Jemand. Ohne Treppengeräusch. Aber er war ja in Gedanken.
Die Türglocke! Das Stichwort.
Die Bühne? In Ordnung.
Das Kostüm? In Ordnung.
Den Text gespeichert öffnet er die Tür mit einem Lächeln.
Sie lächelt auch, hat die Hüfte durchgedrückt und hält das Staubsaugerrohr am ausgestreckten Arm. Das findet er kokett.
Sie lächelt und ist schön, dabei spricht sie:
- Ich bringe Ihren Sauger, es hat etwas länger gedauert. Vielen Dank.
Er findet sie jetzt wunderschön.
- Gern geschehen, sagt er und hat das Lächeln vergessen. Es ist ihm abhanden gekommen.
Sie wendet unschlüssig den Kopf, wendet sich ab und wendet sich hin, schwankt, als wiege sie sich selbst ab, wiegt ab.
- Na dann, auf Wiedersehen, sagt sie etwas unschlüssig.
Er erwidert den Gruß. Weil er sie nicht herein bittet, strafft sich ihr Entschluss, sie wendet sich und geht.
Er schließt die Tür und setzt sich auf seine Bühne.
Er besieht die Decke.
Das Stück ist ein Flop.
- rien ne va plus -
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