Es gibt die schöne Story, dass Nils Petter Molvær jeden Morgen seine vierjährige Tochter Vilde aufs Fahrrad
setzt und quer durch Oslo radelt, um sie in den Kindergarten zu bringen. Auf dem neuen Album des Trompeters,
"Solid Ether", sind da nun auch die Stücke "Vilderness1" und "Vilderness2", die von der Liebe zum Töchterchen
zeugen.
Dann erzählt man sich Geschichten vom Eigenbrödler Nils, der sich die Einsamkeit zum monatelangen Tüfteln in
sein Studio holt, die er in seiner nordischen stillen wie leeren Heimat kennengelernt hat: Er wurde 1960 auf
der norwegischen Insel Sula geboren, studierte in Trondheim und ging später in die Jazz-Kapitale Skandinaviens
- Oslo.
Und ich erinnere mich an den unscheinbaren und nachlässig gekleideten Mann in der Mitte der Bühne, neulich in
Bonn. Kaum eine Bewegung entlockten ihm die wummernden Beats, alles in allem nahm er sich zurück und es war
eigentlich, als wäre nur die Trompete im Vordergrund.
Dagegen steht der Hype, den einige Zeitgenossen proben, indem sie den ruhigen Norweger zum "neuen Miles Davis",
zum "Propheten des Nordens" hochjubeln. Doch vom Mr. Cool Jazz hat Nils Petter Molvær weder das Spiel, noch den
Habitus. Dafür aber trat er bereits vor etwas über zwei Jahren mit der Komposition "Khmer" ein gewisses Erbe von
Miles Davis an.
Das Debüt "Khmer" (1998) ist eine äußerst filigrane Produktion, die Ambient, Trip Hop, Big Beat, Hip Hop und
eben Jazz vereint.
Unmöglichen Klangexperimenten hat Nils Petter Molvær da den Weg bereitet und die Kritiker überschlagen sich,
selbst der Dancefloor wird mit einigen Remixen bedient und Molvær öffnet damit einer neuen skandinavischen
Crossover-Kultur Tür und Tor.
So auch das Folgealbum "Solid Ether": Atmosphärisch dichte Klangkollagen, unterbrochen von der zerbrechlichen
wie klaren Linienführung der Trompete, die - und da ist dann doch die Ähnlichkeit zu
Miles Davis - ins unermesslich Hohe wegstürzt. Das darf die Presse dann auch ruhig "New Jazz" nennen.
Meine Empfehlung.
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