Ach ja, Tucholsky. Auch ihm hätte sie sicherlich gefallen ...
Wenige Tage zuvor hatte ich sein Grab gesucht und auch gefunden. Das war nicht schwer, gibt es doch an der
Auffahrt zu "seinem" Schloß, Gripsholm, eine große Tafel. Auf dem Stadtplan ist der Friedhof
eingezeichnet: Ein blasser roter Punkt klebt dort, und jemand hat Tucholsky dazu geschrieben. Im Hintergrund
blinkte der Mälarsee, während im Hafen von Mariefred die Segelboote leise dümpelten und das dicke,
rote Schloß träge auf seiner Halbinsel lag. Zu Bewachen hat es schon lange nichts mehr.
Auf diesem Friedhof weisen kleine verwitterte Holzschildchen mit abgeblätterter weißer Farbe den Weg
zum Grab. Auch hier steht ganz nüchtern: Tucholsky.
"Alles Vergängliche Ist Nur Ein Gleichnis" liest man dann auf Tucholskys Grabplatte, und hier ist "Kurt
Tucholsky" ausgeschrieben.
Auf den Ecken des Porphyrs, unterhalb der dicken Ringe, lagen kleine Steinchen (jemand erzählte mir,
das sei ein jüdischer Brauch) und drei, vier dieser winzigen schwedischen Sommersträußchen -
liebevolle Grüße, als ob der Alte noch lebte, "in diesem Schloßanbau". Zwei Zimmer und dazu
noch ein kleineres waren an die Sommergäste zu vermieten, und er stand am Fenster und der Wind spielte in
den Vorhängen, und die Prinzessin, - wer weiß? - stand hinter ihm.
Da lag er nun und hatte es nicht schlecht im Schatten dieses starken Baumes, während die Mittagshitze durch
das staubige und doch bezaubernde Mariefred flimmerte. Ganz allein genoß ich die Stille zwischen den
Gräbern und ließ die Seele baumeln, bis ein Pärchen kam und mich vertrieb.
Ein paar Tage später sollte ich vor einem ganz anderen Gedenkstein stehen.
Von Stockholm kommend, den Lärm und die Hitze dieser großen Stadt fliehend, fuhr ich mitten hinein
in dieses ewig-leuchtende Blau des Himmel der Ebenen des Binnenlandes, vorbei an riesigen gelben Rapsfeldern.
Diese Ebenen östlich vom Vättern liegen zwischen den Städten Jönköping und
Linköping, etwa vier Autostunden von Stockholm entfernt. Sie gehören einer besonders
geschichtsträchtigen Region an. Oft genug bietet sich die Gelegenheit, anzuhalten und sich
die Überreste einer uralten Geschichte anzusehen: Grabhügel, um die der Mähdrescher in
jahrelanger Arbeit tiefe Fahrrinnen geschaffen hat, Reste von Burgen, Klöstern und Siedlungen.
Fährt man von den Hauptwegen runter, kommt man auf Wege, die vielleicht schon vor über tausend
Jahren bekannt waren. Einige der ersten Königsgeschlechter des alten Svea-Reiches stammten aus dieser
Gegend.
Auf den gleichen Wegen und Straßen der Region, die ich dort befuhr, ritten über mehrere
Jahrhunderte die schwedischen Könige ihre "Eriksgata" ab, um im Anschluß ihrer Krönung das
Volk kennenzulernen, "zu grüßen", wie ich in einer schwedischen Broschüre las. Im Mittelalter
prägten die Könige diesen Landesteil durch großzügige Schenkungen, wobei der eine
vielleicht einen Platz im Paradies ergattern wollte, während es dem anderen wirklich um solche Dinge wie
Kultur und Ausbildung ging.
Jenseits der Straße liegen die Ruinen des Klosters Alvastra: 1143 kamen einige Zisterzienser auf Einladung
von König Sverker des Ersten an diesen heute noch wunderschönen Ort. Über Jahrhunderte
beeinflußte Alvastra die Entwicklung der Region. Ich stieg durch die Ruinen, besah mir diesen ruhigen
Platz und bedauerte sofort, zur falschen Zeit gekommen zu sein. Nicht, daß ich mich ins "finstere
Mittelalter" gewünscht hätte, aber ich las von den mitternächtlichen Konzerten und spannenden
Chronikspielen, die von Laien aufgeführt werden. Jeden Sommer lebt die alte Geschichte wieder auf, und
in meinem Kopf entstand die Vorstellung von bezaubernden Lichtern, Geräuschen und Düften. Ich sah
viele in helles Leinen gekleidete Menschen, die mit großem Ernst und ebenso großer Freude die
Geschichte ihrer Ahnen spielten, nein, lebten.
Das alte Reich schuf aber auch ganz weltliche Besitztümer wie jene Festungsanlage auf der Vätterninsel
Visingsö, die in der isländischen Sage als sicherster Ort im ganzen Reich beschrieben wird. Ein
gewisser Per Brahe, der Jüngere, kam zum Zenit der schwedischen Großmachtszeit und vereinte mit
seiner Kraft und Macht, gewiß auch mit List und viel Geld die Gegend zur größten Grafschaft
des Landes.
Aber eine magische Anziehungkraft übt hier der mächtige Vättern aus. Dieser See war vor den
Menschen da. Ehe Könige, Grafen und Mönche kamen und gingen, Burgen und Klöster zerfielen.
Was heute noch übrig ist, sind lediglich Erinnerungen, die langsam verblassen. Der Vättern zeigte
sich in der Geschichte auch wesentlich unberechenbarer als sein großer Bruder im Westen, der Vänern.
Fischer rühmen heute immer noch sein sauberes, klares Wasser und die Möglichkeit, hervorragenden Lachs
und Saibling fischen zu können. Leise erzählen sie aber auch von seiner Launenhaftigkeit.
Eine solche kostete an einem stürmischen Herbsttag des Jahres 1918 den Künstler John Bauer das Leben.
Der Dampfer "Per Brahe" verließ am späten Abend den Anleger in Gränna, erreichte jedoch nie
seinen nächsten Haltepunkt in Hästholmen.
Ich saß am Ufer des Vättern und sah bestimmt schon seit zwei Stunden auf das reflektierende Wasser
hinaus, während die Sonne in einem langen und mächtigen Schauspiel unterging und sanfte Wellen das
Licht forttrugen. Draußen auf dem See flimmerten zwei, drei Fischerboote, die gemütlich kreuzten.
Neben mir sprangen kleine, strohblonde Kinder schlotternd ins klare Wasser, um nach glatten, runden Steinen zu
tauchen. Stolz kamen sie wieder herauf und zeigten mir die schönsten Exemplare.
Ein Bild des Friedens, aber dann, plötzlich, zog starker Wind auf und von Nordost kam eine dunkle
Wolkenfront auf uns zu, die den sonst so lichten Abend verfinsterte. Innerhalb kürzester Zeit war
das Wetter umgeschlagen und nichts erinnerte mehr an den sanften See mit dem unglaublich schönen
Sonnenuntergang.
So stelle ich mir heute auch jenen Abend im Herbst 1918 vor. Vielleicht begann die Dampferfahrt genauso
friedlich, und John Bauer ahnte noch nichts von seinem Schicksal.
Starke Kopfschmerzen plagten mich, ich hatte die Lust am Fahren verloren und wollte Rast machen. Wenige
Kilometer vor dem Städtchen Ödeshög verließ ich die E4 Richtung Vättern, dem
fünftgrößten Binnensee Europas. Rechts der Straße liegt ein Parkplatz. Ich hielt an
und stieg aus. Der Parkplatz befindet sich gegenüber der Kirche von Rök; daneben steht der vielleicht
berühmteste Runenstein der Welt, der Rökstenen.
Nie zuvor hatte ich von ihm gehört, niemals vorher bin ich dort gewesen und doch packte mich diese
Geschichte augenblicklich. Dieser mächtige Stein - er ist um die tausend Jahre alt - ragt geheimnisvoll
unter jenem geschnitzten Holzbaldachin auf und wird den müden Augen vorbeiziehender Reisender feilgeboten.
Etwa zweieinhalb Meter hoch ist dieses erste Zeugnis schwedischer Literatur. Auf einer Tafel erfährt man,
daß Anfang des neunten Jahrhunderts der mächtige Häuptling Varin die siebenhundert Runen aus
Trauer um seinen totgeschlagenen Sohn Vämod in den Stein ritzen ließ:
"Nach Vämod stehen diese Runen. Aber Varin schrieb sie, der Vater nach dem gestorbenen Sohn."
Die rot ausgemalten Runen leuchteten mir entgegen und verwirrten mich. Eine fast biblisch zu nennende Sprache
mit viel poetischem Gefühl kommt da zum Ausdruck: "Und er starb unter ihnen wegen seiner Missetaten."
Der beschwörende Rhythmus legt eine geheimnisvolle Feierlichkeit um dieses Memento Mori.
Verstehen, nein, verstehen, konnte ich davon gar nichts, und auf der Tafel las ich von verlorengegangenen
Kenntnissen: Niemand weiß mehr so recht Varins Anspielungen auf Heldengedichte, Mythen und Ereignisse zu
deuten, die im neunten Jahrhundert wohl bekannt waren. Fragmente eines Gedichts über Theoderich des
Großen sind dort zu finden, was eine Deutung nicht gerade leichter macht:
"Es herrschte Theoderich
der Kühngemutete,
der Fürst der Seekrieger,
über den Stand des Hreidmeers.
Jetzt sitzt er gerüstet
auf seinem gotischen Roß,
den Schild auf der Schulter -
der Held der Märinge."
Wahrscheinlich haben die Wikinger, diese fabelhaften Navigatoren, listigen Händler und grausamen Eroberer
auf ihren Reisen die Sagen vom König der Ostgoten kennengelernt. Das bronzene Standbild Theoderich des
Großen, das sich im neunten Jahrhundert in Aachen befand, muß auf die Nordländer viel Eindruck
gemacht haben!
Aber dennoch bleibt es im Verborgenen, was die Runen bedeuten. Der Wikingerhäuptling deutet auf dunkle,
versteckte Geheimnisse hin, die vielleicht etwas mit seiner Sippe zu tun haben können. Varin benutzt
Geheimrunen und Chiffren, um das Verständnis zu erschweren. Die Runen sprechen von Geburt und Opfer,
selbst der Asengott Thor spielt eine Rolle, und sein Name ist mit besonderen Geheimrunen geschrieben.
Dann hatte ich genug der Rätsel. Schließlich handelt es sich hier auch um die Trauer, den Aufschrei
eines Vaters um seinen totgeschlagenen Sohn. Ein Vater, zugegeben, der im Totschlagen selbst gewiß nicht
zimperlich war. Es die Geschichte von Gewalt und Blut.
Mit leichtem Schaudern ließ ich das uralte Rätsel hinter mir und wollte weiter, zum Vättern.
Dann aber reichte ein winziger Moment, um die ganze Geschichte und auch den Kopfschmerz zu vertreiben,
vielleicht zwanzig Sekunden, die meinen Abstecher nach Rök in ein bezauberndes Licht tauchen. Ein Moment,
der sich festgesetzt hat in meinem Gedächtnis, wie es gerade die kleinen alltäglichen Dinge tun, die
wir sonst nicht so beachten.
Sie trug ein ärmelloses, geblümtes Kleid in den dezenten Farben des Sommers, wie der berühmte
schwedische Künstler Carl Larsson sie vielleicht gemalt hätte. Die zarten Ränder ihrer
Wäsche erzeugten ein Relief im dünnen Stoff des Kleides. Ihr hellbraunes Haar war vom Radfahren
zerzaust und ich sah den feinen Film ihres Schweißes auf den Armen schimmern, während sie mit
einem Fuß Halt am Boden suchte.
Auf dem Gepäckträger hatte sie einen kleinen blonden Jungen, er trug nur eine von diesen hellblauen
Fußballhosen, wie ich sie selbst als Junge trug; jene mit dem Seitenstreifen und dem V-Einschnitt und
der Kordel im Bund. Er saß auf einem dicken orangenen Kissen. Die Ecken des Kissens ragten steil empor,
sein Hintern mittendrin, und er hielt sich mit seinen kleinen Fäusten an ihrem Kleid fest, dort, wo ihre
Taille war. War sie seine Mutter? Sie sah so jung aus, es hätte gut eine ältere Schwester sein
können, wenn ich im Norden nicht schon so viele sehr junge Mütter gesehen hätte.
Beide waren barfuß.
Das Fahrrad - eine Karikatur eines solchen, so, wie Fahrräder in Kinderbüchern immer gezeichnet
werden:
dicke Ballonreifen mit vergilbten Wänden, die mal weiß waren, kein Licht, keine Schutzbleche,
oder, doch, hinten war eins, ganz verbeult. Der Rahmen schien so stabil, daß damit bereits die tapferen
Suomi-Krieger von Väinö Linna durch Karelien hätten geradelt sein können. Doch eigentlich,
wenn ich es mir recht überlege, ist es ein unpassender Vergleich, denn die Finnen radelten, den Karabiner
auf dem Rüc ken, englische Fliegerhosen an den Beinen und den unseligen deutschen Stahlhelm auf dem Kopf,
um ihre Heimat gegen die Annexion zu verteidigen.
Ich sah sie erst im letzten Moment, der Wagen hielt mit rutschenden Reifen, der knochentrockene, rötliche
Staub zog träge in einer Fahne hoch, während sie, von einem Feldweg kommend, ebenfalls in die Eisen
ging. Fast wäre sie über die Lenkerstange gefallen, während der Junge erschrocken guckte und
seine Fäustchen noch fester in das Kleid krallte.
Nach dem ersten Schrecken winkte ich mit einer großzügigen Geste, um ihr die Vorfahrt zu lassen.
Sie lachte mich an, nein, wirklich, es war nicht nur ein bloßes Lächeln. Sie lachte und trat fest
in die Pedale und fuhr mit wehendem Kleid davon. Mit laufendem Motor sah ich ihr lange vom Auto aus hinterher.
Ein Rest von Staub war noch in der Luft, als ich weiterfuhr.
"Alles Vergängliche Ist Nur Ein Gleichnis" sagt Tucholsky, und ich weiß nicht, ob es eine Mahnung ist, oder ob dieser Mensch uns nur Mut machen wollte, Mut zum Träumen.