Pressefoto Das Mädchen aus Rök
Unterwegs in Schweden

René Märtin

SHORTCUTS

HYPE
1. U2 - All That You Can't Leave Behind
2. Nils Petter Molvaer - Solid Ether
3. Johnny Cash - Love, God & Murder
4. Johnny Cash - Solitary Man
5. Talk Talk - London 1986
6. Björk - SelmaSongs
7. Miles Davis - Live Around The World
8. The Cure - Bloodflowers
9. Gavin Friday - Shag Tobacco
10. David Bowie - Hours
11. Soundtrack - The Million Dollar Hotel
Ach ja, Tucholsky. Auch ihm hätte sie sicherlich gefallen ...

Wenige Tage zuvor hatte ich sein Grab gesucht und auch gefunden. Das war nicht schwer, gibt es doch an der Auffahrt zu "seinem" Schloß, Gripsholm, eine große Tafel. Auf dem Stadtplan ist der Friedhof eingezeichnet: Ein blasser roter Punkt klebt dort, und jemand hat Tucholsky dazu geschrieben. Im Hintergrund blinkte der Mälarsee, während im Hafen von Mariefred die Segelboote leise dümpelten und das dicke, rote Schloß träge auf seiner Halbinsel lag. Zu Bewachen hat es schon lange nichts mehr.

Auf diesem Friedhof weisen kleine verwitterte Holzschildchen mit abgeblätterter weißer Farbe den Weg zum Grab. Auch hier steht ganz nüchtern: Tucholsky.

"Alles Vergängliche Ist Nur Ein Gleichnis" liest man dann auf Tucholskys Grabplatte, und hier ist "Kurt Tucholsky" ausgeschrieben.
Auf den Ecken des Porphyrs, unterhalb der dicken Ringe, lagen kleine Steinchen (jemand erzählte mir, das sei ein jüdischer Brauch) und drei, vier dieser winzigen schwedischen Sommersträußchen - liebevolle Grüße, als ob der Alte noch lebte, "in diesem Schloßanbau". Zwei Zimmer und dazu noch ein kleineres waren an die Sommergäste zu vermieten, und er stand am Fenster und der Wind spielte in den Vorhängen, und die Prinzessin, - wer weiß? - stand hinter ihm.

Da lag er nun und hatte es nicht schlecht im Schatten dieses starken Baumes, während die Mittagshitze durch das staubige und doch bezaubernde Mariefred flimmerte. Ganz allein genoß ich die Stille zwischen den Gräbern und ließ die Seele baumeln, bis ein Pärchen kam und mich vertrieb.

Ein paar Tage später sollte ich vor einem ganz anderen Gedenkstein stehen.
Von Stockholm kommend, den Lärm und die Hitze dieser großen Stadt fliehend, fuhr ich mitten hinein in dieses ewig-leuchtende Blau des Himmel der Ebenen des Binnenlandes, vorbei an riesigen gelben Rapsfeldern.

Diese Ebenen östlich vom Vättern liegen zwischen den Städten Jönköping und Linköping, etwa vier Autostunden von Stockholm entfernt. Sie gehören einer besonders geschichtsträchtigen Region an. Oft genug bietet sich die Gelegenheit, anzuhalten und sich die Überreste einer uralten Geschichte anzusehen: Grabhügel, um die der Mähdrescher in jahrelanger Arbeit tiefe Fahrrinnen geschaffen hat, Reste von Burgen, Klöstern und Siedlungen. Fährt man von den Hauptwegen runter, kommt man auf Wege, die vielleicht schon vor über tausend Jahren bekannt waren. Einige der ersten Königsgeschlechter des alten Svea-Reiches stammten aus dieser Gegend.

Auf den gleichen Wegen und Straßen der Region, die ich dort befuhr, ritten über mehrere Jahrhunderte die schwedischen Könige ihre "Eriksgata" ab, um im Anschluß ihrer Krönung das Volk kennenzulernen, "zu grüßen", wie ich in einer schwedischen Broschüre las. Im Mittelalter prägten die Könige diesen Landesteil durch großzügige Schenkungen, wobei der eine vielleicht einen Platz im Paradies ergattern wollte, während es dem anderen wirklich um solche Dinge wie Kultur und Ausbildung ging.

Jenseits der Straße liegen die Ruinen des Klosters Alvastra: 1143 kamen einige Zisterzienser auf Einladung von König Sverker des Ersten an diesen heute noch wunderschönen Ort. Über Jahrhunderte beeinflußte Alvastra die Entwicklung der Region. Ich stieg durch die Ruinen, besah mir diesen ruhigen Platz und bedauerte sofort, zur falschen Zeit gekommen zu sein. Nicht, daß ich mich ins "finstere Mittelalter" gewünscht hätte, aber ich las von den mitternächtlichen Konzerten und spannenden Chronikspielen, die von Laien aufgeführt werden. Jeden Sommer lebt die alte Geschichte wieder auf, und in meinem Kopf entstand die Vorstellung von bezaubernden Lichtern, Geräuschen und Düften. Ich sah viele in helles Leinen gekleidete Menschen, die mit großem Ernst und ebenso großer Freude die Geschichte ihrer Ahnen spielten, nein, lebten.

Das alte Reich schuf aber auch ganz weltliche Besitztümer wie jene Festungsanlage auf der Vätterninsel Visingsö, die in der isländischen Sage als sicherster Ort im ganzen Reich beschrieben wird. Ein gewisser Per Brahe, der Jüngere, kam zum Zenit der schwedischen Großmachtszeit und vereinte mit seiner Kraft und Macht, gewiß auch mit List und viel Geld die Gegend zur größten Grafschaft des Landes.

Aber eine magische Anziehungkraft übt hier der mächtige Vättern aus. Dieser See war vor den Menschen da. Ehe Könige, Grafen und Mönche kamen und gingen, Burgen und Klöster zerfielen. Was heute noch übrig ist, sind lediglich Erinnerungen, die langsam verblassen. Der Vättern zeigte sich in der Geschichte auch wesentlich unberechenbarer als sein großer Bruder im Westen, der Vänern. Fischer rühmen heute immer noch sein sauberes, klares Wasser und die Möglichkeit, hervorragenden Lachs und Saibling fischen zu können. Leise erzählen sie aber auch von seiner Launenhaftigkeit.
Eine solche kostete an einem stürmischen Herbsttag des Jahres 1918 den Künstler John Bauer das Leben. Der Dampfer "Per Brahe" verließ am späten Abend den Anleger in Gränna, erreichte jedoch nie seinen nächsten Haltepunkt in Hästholmen.

Ich saß am Ufer des Vättern und sah bestimmt schon seit zwei Stunden auf das reflektierende Wasser hinaus, während die Sonne in einem langen und mächtigen Schauspiel unterging und sanfte Wellen das Licht forttrugen. Draußen auf dem See flimmerten zwei, drei Fischerboote, die gemütlich kreuzten. Neben mir sprangen kleine, strohblonde Kinder schlotternd ins klare Wasser, um nach glatten, runden Steinen zu tauchen. Stolz kamen sie wieder herauf und zeigten mir die schönsten Exemplare.

Ein Bild des Friedens, aber dann, plötzlich, zog starker Wind auf und von Nordost kam eine dunkle Wolkenfront auf uns zu, die den sonst so lichten Abend verfinsterte. Innerhalb kürzester Zeit war das Wetter umgeschlagen und nichts erinnerte mehr an den sanften See mit dem unglaublich schönen Sonnenuntergang.

So stelle ich mir heute auch jenen Abend im Herbst 1918 vor. Vielleicht begann die Dampferfahrt genauso friedlich, und John Bauer ahnte noch nichts von seinem Schicksal.

Starke Kopfschmerzen plagten mich, ich hatte die Lust am Fahren verloren und wollte Rast machen. Wenige Kilometer vor dem Städtchen Ödeshög verließ ich die E4 Richtung Vättern, dem fünftgrößten Binnensee Europas. Rechts der Straße liegt ein Parkplatz. Ich hielt an und stieg aus. Der Parkplatz befindet sich gegenüber der Kirche von Rök; daneben steht der vielleicht berühmteste Runenstein der Welt, der Rökstenen.

Nie zuvor hatte ich von ihm gehört, niemals vorher bin ich dort gewesen und doch packte mich diese Geschichte augenblicklich. Dieser mächtige Stein - er ist um die tausend Jahre alt - ragt geheimnisvoll unter jenem geschnitzten Holzbaldachin auf und wird den müden Augen vorbeiziehender Reisender feilgeboten. Etwa zweieinhalb Meter hoch ist dieses erste Zeugnis schwedischer Literatur. Auf einer Tafel erfährt man, daß Anfang des neunten Jahrhunderts der mächtige Häuptling Varin die siebenhundert Runen aus Trauer um seinen totgeschlagenen Sohn Vämod in den Stein ritzen ließ:
"Nach Vämod stehen diese Runen. Aber Varin schrieb sie, der Vater nach dem gestorbenen Sohn."

Die rot ausgemalten Runen leuchteten mir entgegen und verwirrten mich. Eine fast biblisch zu nennende Sprache mit viel poetischem Gefühl kommt da zum Ausdruck: "Und er starb unter ihnen wegen seiner Missetaten." Der beschwörende Rhythmus legt eine geheimnisvolle Feierlichkeit um dieses Memento Mori.

Verstehen, nein, verstehen, konnte ich davon gar nichts, und auf der Tafel las ich von verlorengegangenen Kenntnissen: Niemand weiß mehr so recht Varins Anspielungen auf Heldengedichte, Mythen und Ereignisse zu deuten, die im neunten Jahrhundert wohl bekannt waren. Fragmente eines Gedichts über Theoderich des Großen sind dort zu finden, was eine Deutung nicht gerade leichter macht:

"Es herrschte Theoderich
der Kühngemutete,
der Fürst der Seekrieger,
über den Stand des Hreidmeers.
Jetzt sitzt er gerüstet
auf seinem gotischen Roß,
den Schild auf der Schulter -
der Held der Märinge."

Wahrscheinlich haben die Wikinger, diese fabelhaften Navigatoren, listigen Händler und grausamen Eroberer auf ihren Reisen die Sagen vom König der Ostgoten kennengelernt. Das bronzene Standbild Theoderich des Großen, das sich im neunten Jahrhundert in Aachen befand, muß auf die Nordländer viel Eindruck gemacht haben!

Aber dennoch bleibt es im Verborgenen, was die Runen bedeuten. Der Wikingerhäuptling deutet auf dunkle, versteckte Geheimnisse hin, die vielleicht etwas mit seiner Sippe zu tun haben können. Varin benutzt Geheimrunen und Chiffren, um das Verständnis zu erschweren. Die Runen sprechen von Geburt und Opfer, selbst der Asengott Thor spielt eine Rolle, und sein Name ist mit besonderen Geheimrunen geschrieben.

Dann hatte ich genug der Rätsel. Schließlich handelt es sich hier auch um die Trauer, den Aufschrei eines Vaters um seinen totgeschlagenen Sohn. Ein Vater, zugegeben, der im Totschlagen selbst gewiß nicht zimperlich war. Es die Geschichte von Gewalt und Blut.

Mit leichtem Schaudern ließ ich das uralte Rätsel hinter mir und wollte weiter, zum Vättern.

Dann aber reichte ein winziger Moment, um die ganze Geschichte und auch den Kopfschmerz zu vertreiben, vielleicht zwanzig Sekunden, die meinen Abstecher nach Rök in ein bezauberndes Licht tauchen. Ein Moment, der sich festgesetzt hat in meinem Gedächtnis, wie es gerade die kleinen alltäglichen Dinge tun, die wir sonst nicht so beachten. Sie trug ein ärmelloses, geblümtes Kleid in den dezenten Farben des Sommers, wie der berühmte schwedische Künstler Carl Larsson sie vielleicht gemalt hätte. Die zarten Ränder ihrer Wäsche erzeugten ein Relief im dünnen Stoff des Kleides. Ihr hellbraunes Haar war vom Radfahren zerzaust und ich sah den feinen Film ihres Schweißes auf den Armen schimmern, während sie mit einem Fuß Halt am Boden suchte.

Auf dem Gepäckträger hatte sie einen kleinen blonden Jungen, er trug nur eine von diesen hellblauen Fußballhosen, wie ich sie selbst als Junge trug; jene mit dem Seitenstreifen und dem V-Einschnitt und der Kordel im Bund. Er saß auf einem dicken orangenen Kissen. Die Ecken des Kissens ragten steil empor, sein Hintern mittendrin, und er hielt sich mit seinen kleinen Fäusten an ihrem Kleid fest, dort, wo ihre Taille war. War sie seine Mutter? Sie sah so jung aus, es hätte gut eine ältere Schwester sein können, wenn ich im Norden nicht schon so viele sehr junge Mütter gesehen hätte. Beide waren barfuß.

Das Fahrrad - eine Karikatur eines solchen, so, wie Fahrräder in Kinderbüchern immer gezeichnet werden:
dicke Ballonreifen mit vergilbten Wänden, die mal weiß waren, kein Licht, keine Schutzbleche, oder, doch, hinten war eins, ganz verbeult. Der Rahmen schien so stabil, daß damit bereits die tapferen Suomi-Krieger von Väinö Linna durch Karelien hätten geradelt sein können. Doch eigentlich, wenn ich es mir recht überlege, ist es ein unpassender Vergleich, denn die Finnen radelten, den Karabiner auf dem Rüc ken, englische Fliegerhosen an den Beinen und den unseligen deutschen Stahlhelm auf dem Kopf, um ihre Heimat gegen die Annexion zu verteidigen.

Ich sah sie erst im letzten Moment, der Wagen hielt mit rutschenden Reifen, der knochentrockene, rötliche Staub zog träge in einer Fahne hoch, während sie, von einem Feldweg kommend, ebenfalls in die Eisen ging. Fast wäre sie über die Lenkerstange gefallen, während der Junge erschrocken guckte und seine Fäustchen noch fester in das Kleid krallte.

Nach dem ersten Schrecken winkte ich mit einer großzügigen Geste, um ihr die Vorfahrt zu lassen. Sie lachte mich an, nein, wirklich, es war nicht nur ein bloßes Lächeln. Sie lachte und trat fest in die Pedale und fuhr mit wehendem Kleid davon. Mit laufendem Motor sah ich ihr lange vom Auto aus hinterher. Ein Rest von Staub war noch in der Luft, als ich weiterfuhr.

"Alles Vergängliche Ist Nur Ein Gleichnis" sagt Tucholsky, und ich weiß nicht, ob es eine Mahnung ist, oder ob dieser Mensch uns nur Mut machen wollte, Mut zum Träumen.

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Editor: René Märtin Go to People ...


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