"Es muss Gott doch furchtbar peinlich
sein, dass diese seichte Scheiße ihm gewidmet wird."
(Bono über Grammy-Verleihungen)
Gott - das ist tatsächlich immer noch ein Thema für die nicht mehr ganz so jungen Jungs aus Dublin, die auch
tatsächlich immer noch zusammen sind - und immer noch famose Platten produzieren. Sollte es tatsächlich so
etwas wie "ewige Liebe" geben? Sollte es Gott immer noch geben? Sollte es immer noch Hoffnung geben? Hoffnung
auf ein besseres Leben, auf Befreiung, auf Kampf der Unterdrückung? "Ja" - heißt die Antwort unserer Biographen
aus Irland.
Aber frei nach Johnny Cash sind da alle versammelt auf der vielleicht engagiertesten Platte seit der Zeit um
Joshua Tree: God, Love and Murder.
Zeilen wie "Love, lift me out of these blues / Won't you tell me something true / I believe in you" (Elevator)
oder "Heaven on Earth / We need it now / I'm sick of all of this / Hanging around / Sick of sorrow / Sick of
pain" (Peace on Earth) lassen den versierten Bibelleser durchblicken, der angibt, immer noch "jeden Tag" selbiges
Buch zu lesen (wie auch The Edge), was ihn sichtlich geprägt hat. Und damit auch zu einen modernen Psalmisten
gemacht hat.
Doch erfreulich - das Pathos der frühen Jahre ist den Vieren schon lange abhanden gekommen. Es steht alles
nebeneinander: Das Gefühl, die Ernüchterung. Der Glaube, der Zweifel. Das Leben, der Tod. Die Liebe, die Leere.
Die Fülle, die Angst. Anders als viele der Rock-Heroen der letzten 25 Jahre erlauben Adam, Larry, Bono und The
Edge einen Einblick in ihr Innerstes - was an manchen Stellen beim Zuhören atemlos macht und nie peinlich ist.
Ebenso schön ist, dass - wo heute doch alle gern so ironisch sind - auch das Ironische, Zugespitzte nicht mehr
diesen großen Raum hat, wie zu MacPhisto's Zeiten. Denn das drohte mit Zooropa und stellenweise auch mit der POP
ins beinah Zynische wegzustürzen.
Nein - Platz soll sein für's Wahre, Ehrliche, Aufrichtige, Engagierte. Wie anders kommt es sonst, dass der Song
"Walk on" Aung San Suu Kyi gewidmet ist, die seit 1989 in Burma unter Hausarrest steht. Amnesty lässt grüßen
und wir freuen uns! Auch über das Engagement für Sierra Leone, die Aktion Jubilee 2000 oder die Dauerbrenner
Greenpeace und War Child.
"Kunst hat schon immer die Politik beeinflusst. Sie ermöglicht Leuten, jenseits des Machbaren, politische
Visionen zu erträumen", sagt The Edge im Rolling Stone Interview und wirkt dabei gar nicht naiv, wie es noch
vor 15 Jahren der Fall war. Das Engagement ist echt und nicht zuletzt Bono gehört zum Jet Set der Lobbyisten
für's Menschliche auf der Welt.
Musikalisch verwirren sie etwas - es sind viele schöne Songs dabei (eigentlich sind alle Tracks echte Songs).
Man glaubt aber eine Menge rauszuhören, das zunächst gar nicht so nach U2 klingt. Aber dann klingt es doch
wieder nach U2. Bei genauerem Hinhören. Das wird wahrscheinlich die interessante Mischung der Produzenten machen.
Allesamt alte Weggefährten: Steve Lillywhite ("War" - uralt, Kids!), Daniel Lanois und Brian Eno ("The Joshua
Tree", "Achtung Baby"). Eine schöne, gute Mischung. Und eine Rechnung, die aufgegangen ist. Doch, wie bereits
gesagt, zunächst die Verwirrung. Vielleicht liegt's an dem Soundtrack zu Wender's "The Million Dollar Hotel",
der ja auch in diesem Jahr heraus kam und ganz andere, irreführende Erwartungen wach werden liess. Oder es liegt
daran, dass Bono ganz einfach "the best voice ever" hat und mittlerweile selbst lange Strecken hoher
Melodieführung gnadenlos gut beherrscht. Noch dazu stellenweise mit einer derart genialen Soulstimme auffährt
("In A Little While"), dass uns alten Fans die Spucke wegbleibt. Guck mal, der Bono!
Jedenfalls verzichten U2 bei diesem Album auf eine Menge elektronischen Schnick-Schnack und aufwendig
programmierte Peripherie, die zwar den letzten Alben sehr gut bekommen ist und sie in meinen Ohren eigentlich
nach vorne gebracht haben - aber heute nur das Rohmaterial von U2's Musik: Larry, The Edge, Adam und Bono
zuschwemmen würde.
Bleibt noch die Frage nach dem Witz. Ja, da würde ich sagen: Nehmt das beatleske Stück "Wild Honey": "In the
days / When we where swinging from the trees / I was a monkey" - ganz ohne Ironie geht's dann doch nicht. Doch
jedes Schmunzeln treibt den Wert des Albums weiter in die Höhe. Selber hören, sag' ich da nur.
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