(Eigentlich wollte ich meine überaus witzigen und lebensbereichernden Erfahrungen mit der weihnachtlichen Bio-Gans weitergeben, aber 1. ist bald schon Karneval und 2. gab das Thema dann doch nicht so viel her.)
Wie beginne ich am besten mit der Darstellung der vorhandenen Problematik? Tja - ich denke am Anfang. Also, dazu müsste ich erst einmal ein Geständnis machen.
Denk' ich mir jetzt mal nichts dabei, da: wie der verwirrte Literaturschüler schon in der ersten Deutschstunde belehrt wurde, sind literarische Ergüsse nicht unbedingt 1 : 1 zu nehmen. Haarsträubende Erlebnisse des Erzählers sind nicht zu verwechseln mit autobiographischen Begebenheiten aus dem Leben des Autors. Ergo erfährt jetzt niemand etwas zum weiter- ratschen. Wir sind hier nicht im Container sondern an einem Sendeplatz mit Nive(au)- anspruch.
Jetzt das Outing: ich habe einen neuen Freund. Tatsächlich ist es mir hier gelungen, einen Mann an Land zu ziehen. Wer hätte das noch für möglich gehalten; ich wollte schon ver- zweifeln (andere, auch abendfüllende Geschichte - gähn - kennen schon alle). Wie gesagt, seit einigen Monaten bin ich wieder verbändelt. Das ist gut so. Was nicht so gut ist: er ist krank. (Ja, alle haben recht, es muß doch einen Haken geben!)
Und über seine Krankheit will ich heute berichten. Diese Krankheit hat die schlimmsten Ausmaße, die man sich vorstellen kann. Sie zerstört menschliche Kommunikationsformen, Verhaltensmuster und im schlimmsten Fall Liebesbeziehungen. Mein neuer Freund ist nicht nur krank, eher besessen, verhext! Er hat den Virus! Und das ist das Schlimmste: er ist ansteckend. Sein gesamter engerer Freundeskreis ist auch erkrankt.
Es hätte alles so schön sein können. Er lud mich zu sich ein, es war ein gelungener Abend nach einem oppulenten Mahl (er kocht göttlich!), und da lernte ich schon am ersten Abend die Quelle allen Übels kennen: seinen Computer. Ohne ihn wäre der Virus nicht in Umlauf gekommen. Diese schlimme Krankheit wird "UO" genannt, ein geheimnisvolles Kürzel, das nur Eingeweihten etwas sagt. Und ist man erst einmal eingeweiht, ist man verloren.
Die Verseuchten sind für menschlichen Zeitvertreib wie z. B. samstagabendliche Vergnü- gungen außerhalb der Wohnung nicht mehr zugänglich. Sie treffen sich an geheimnisvollen Orten mit seltsamen Namen, leben in zwei Scheinwelten und tauschen sich nur noch mit Gleichgesinnten aus. Freundschaften werden nur noch über Modems gepflegt oder höchstens noch mit der Schneiderin "Heidi" aus der "UO"-Welt oder dem Pferd "Hippo", das leider nicht gut im Futter ist in der "UO"-Welt und ständig sterben muß. Apropos sterben, die Seuchegeplagten sterben übrigens auch weg wie die Fliegen - allerdings nur virtuell, was die Erkrankten aber äußerst übel und für bare Münze nehmen. Aber ist alles nur halb so wild, da sie garantiert auf einen Magier treffen, der sie wieder heilt - allerdings nur scheinbar, für das wahre Leben sind sie verloren.
Gestern traf ich übrigens einen guten Freund meines neuen Freundes. Als er erfuhr, dass ich an diesem Nachmittag keine Zeit hatte, meinen Freund zu sehen, geriet er vor Aufregung völlig aus dem Häuschen. Er riß in Euphorie die Hände in die Luft, ließ mich und alles andere stehen und liegen, jagte davon, um unseren gemeinsamen Freund zu treffen - natürlich nur online.
Es ist schon eine sehr traurige Angelegenheit. Statt roter Rosen bekam ich gestern eine Disc und ein Handbuch von meinem Liebsten geschenkt. Nun sei's drum!
Gierig schiebe ich die CD ins Laufwerk und starre gebannt auf meinen Bildschirm bis die ersten Klänge von "M+M" ertönen...
Dizzy/FL/01-2001